Das Tagebuch der Soriave
Inspektion Aethel'Grah – Vertrauliche Aufzeichnungen
22. Tag des Erntemonds – Spätnachts im Palast Die Tinte trocknet kaum, so sehr zittern meine Hände. Valeriana hat mich heute in ihr privates Gemach bestellt. Aethel'Grah. Die tiefste Mine unter den Brennenden Klippen. Sie traut den Zahlen nicht, sie traut Gorran nicht und dem Erzmagier-Rat erst recht nicht. „Du siehst, was andere übersehen“, sagte sie. Ich hoffe, sie meint meinen Verstand und nicht mein Schicksal. Kaelen kommt mit. Er hat nicht gefragt, er hat einfach gepackt. Mein Bauch ist schwer wie Blei. Die drei da drin führen Krieg. Wir brechen in drei Tagen auf.
26. Tag des Erntemonds – Ankunft in Aethel'Grah Der Staub hier unten schmeckt nach altem Eisen. Gorran Veth hat mich empfangen wie eine lästige Fliege. Er ist ein Solwen vom alten Schlag – hart, arrogant und viel zu präzise. Er hat mir Berichte vorgelegt, die glänzen wie poliertes Gold. Aber wer so perfekt lügt, hat viel Zeit mit Putzen verbracht. Kaelen hat vorhin die Hand auf meinen Bauch gelegt, und für einen Moment kehrte Frieden ein. Morgen gehe ich tiefer hinunter.
28. Tag des Erntemonds – Die pulsierende Mine Ich habe heute drei Männer gesehen, die alle dasselbe verschweigen. Tavel ist ein Wrack. Dornis schielt auf Gorrans Posten. Und Kael sagte diesen Satz: „Die Mine atmet.“ Die Aethelit-Konzentration schwankt unnatürlich. Soneta drückt heute so heftig, dass ich kaum atmen kann. Es ist, als würde sie versuchen, im Gleichtakt mit der Mine zu schlagen.
30. Tag des Erntemonds – Tiefschicht Vier Ich hatte recht. Die offiziellen Zahlen sind ein schlechter Witz. Wir haben heute eine Kammer gefunden, versteckt hinter einer frischen Sprengung. Dreihundert Pfund Roh-Aethelit, ungelistet, unbewacht. Gorran stand hinter mir und wurde bleich wie eine Leiche. Er sah mich nur an, sein Blick war starr vor fester, ungläubiger Angst. In seinen Augen stand das nackte Entsetzen eines Mannes, der weiß, dass er gerade sein eigenes Todesurteil betrachtet. Er hat nicht einmal versucht zu drohen. Er stand einfach nur da, die Hände zitternd an den Nahtstellen seines Rockes. Er weiß, dass er wegen Hochverrats am Galgen enden wird, wenn dieser Bericht Soliste erreicht. Die Wände pochen jetzt stetig. Die Mine lebt. Oder etwas darin.
1. Tag des Sturmmonds – Belagerung Tavel war heute Nacht wieder hier. Er klopft nicht einmal mehr; die Ordnung in dieser Mine zerfällt vor meinen Augen. Er zitterte so heftig, dass er den Wein auf meinem Tisch verschüttete, während er mir ungefragt ein Glas einschenkte. Er bettelte mich an, die Unstimmigkeiten aus dem Bericht zu streichen – er bot mir Gold, Anteile, sogar „Schutz“. Er begreift nicht, dass mein Bericht bereits versiegelt ist. Ich habe das Weinglas nicht angerührt; der süßliche Geruch macht mich krank. Ich werde immerhin bald Mutter.
Ich wollte ihn wegschicken, aber er rührte sich nicht. Er starrte mich nur an, sein Blick war vollkommen verunsichert und verzweifelt. Er sah mich an, als würde er in mir seine letzte Rettung suchen und gleichzeitig erkennen, dass ich ihn nicht retten werde. Er wirkte wie ein Ertrinkender, der um sich schlägt.
Kaelen steht die ganze Nacht vor meiner Tür, die Hand fest am Griff seines Schwertes. Er spricht kaum, aber sein Blick sucht ständig die Schatten in den Ecken. Die Luft ist seltsam schwer heute Nacht, fast elektrisch, aber der Himmel über den Klippen ist klar und ruhig. Wir reisen morgen bei erster Helle ab. Wir müssen nach Hause.
12. Tag des Sturmmonds – ES BRENNT (Die Schrift ist kaum mehr als ein tiefes Kratzen im Papier. Die Feder ist gesplittert.) Es hört nicht auf. Das Licht frisst mich von innen auf. Sie haben uns verraten. Gorran. Er hat das Schott verriegelt, als wir davorstanden. Ich höre Kaelen noch immer brüllen. Ein hohles Echo gegen den kalten Stahl, dann... das Ende. Dann kam die Schmelze. Kein Wind, nur weiße Vernichtung. Ich fühlte, wie Rhessa und die anderen neben mir einfach... verglühten. Weggebrannt. Ich war keine Solwe mehr. Ich war flüssiges Blei, kochender Schmerz, der keine Form mehr hält. Aber tief in mir – drei andere Funken. Drei kleine Schreie. Wir waren ineinandergeflossen, weich wie Wachs, Geist an Geist. Wir hatten uns festgekrallt, während das Licht alles andere verschlang. Ich weiß nicht, wer ich bin. Ich bin wir. Ein dichter Kern aus Angst und Glut. Sie haben das Tor geschlossen. Sie ließen uns brennen.
15. Tag nach dem Sturm – Die Rekonstruktion des Schreckens Ich bin wach. Aber „Ich“ ist eine Lüge. Elisara spricht von Wundern, hier in den kühlen Hallen von Soliste, aber sie sieht nicht, dass ich an vier Stellen gleichzeitig blute. Ich erinnere mich jetzt an alles.
Wir hatten die Mine bereits verlassen. Wir waren auf dem Rückweg, die kühle Luft der Klippen im Gesicht, den versiegelten Bericht sicher in meiner Tasche. Es gab keine Warnung – bis die Welt plötzlich weiß wurde. Ein elektrisches Reißen, der Sturm kam so schnell, dass uns keine Zeit zum Denken blieb. Wir rannten zurück zur Mine. Es war unsere einzige Rettung.
Wir erreichten das Sicherheitsschott von Sektor Vier. Kaelen riss an der Außenverriegelung, er hämmerte gegen den Stahl. Ich sah Gorran durch das dicke Sichtfenster. Er stand da und starrte uns an. Er hatte das nicht geplant, das sah ich in seinem entsetzten Gesicht. Aber dann... sah ich, wie die Angst einer kalten Erkenntnis wich. Er rührte sich nicht. Er gab keinen Befehl zum Öffnen. Warum sich die Hände schmutzig machen, wenn der Sturm die Dreckarbeit für ihn erledigt?
Kaelen hat gegen den Stahl gehämmert, bis seine Knöchel brachen. Sie müssen uns gehört haben, das ganze Pack da drin. Aber niemand hat den Riegel gelöst. Sie ließen uns vor der Pforte verrecken. Ich stand am Schott und fühlte die Hitze kommen, während Kaelen noch immer versuchte, das Unmögliche aufzubrechen.
Dann kam das Weiß, und mit ihm die totale Auflösung.
Es war kein Schmerz mehr, den Fleisch und Blut begreifen könnten. Es war, als würde die Architektur meines Seins gesprengt. Mein „Ich“ verflüssigte sich; die Grenzen meines Verstandes schmolzen weg wie Wachs in einer Esse. Ich spürte, wie ich aufhörte, eine Frau, eine Magierin, eine Solwe zu sein. Ich wurde zu einer namenlosen Substanz, die im flirrenden Aethelit-Brand verdampfte.
Doch mitten in diesem Mahlstrom aus Feuer und Nichts war ich nicht allein.
Etwas anderes war da. Drei andere Brandherde, so nah, dass es keine Distanz mehr gab. Ich spürte ihre Essenzen – sie waren mir so unendlich vertraut, wie ein vergessener Traum oder der eigene Herzschlag. Ich erkannte sie, doch mein schmelzender Verstand konnte ihnen keine Namen mehr geben. Waren es Fragmente meiner eigenen Seele? Waren es Echos derer, die neben mir starben? Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass wir uns in der weißen Glut ineinander verkeilten.
Wir flossen zusammen. Geist an Geist, Schmerz an Schmerz. Wir klammerten uns aneinander, während das Licht uns umschmiedete, uns presste und zu einem einzigen, dichten Kern aus reinem Überlebenswillen verschmolz.
Als die Soldaten aus Soliste eintrafen, um die Leichen zu bergen, fanden sie mich inmitten der Asche. Gorran muss den Bericht aus meiner Tasche gerissen haben, bevor die Rettung kam – er ist verschwunden. Sie denken, ich sei ein hirnloses Wrack, das durch Zufall überlebt hat. Sie glauben, die Wahrheit sei mit Kaelen verbrannt.
– Ich spüre meine Kinder nicht mehr treten. Es gibt keinen fremden Willen mehr in mir.
20. Tag nach dem Sturm – Die Nächte im Spiegel Die Nächte sind ein Brunnen ohne Boden. Wenn die Kerze erlischt, höre ich auf, nur diese eine Soriave zu sein. Ich träume vom Klang meines eigenen Blutes, aber ich höre es von der anderen Seite, als wäre ich ein Gast am eigenen Lebensstrom. Gestern Nacht sah ich mich selbst durch die Schichten meines Seins hindurch. Es gibt keine Grenze mehr. Wir fließen ineinander über wie Tinte in einer Schale Wasser. In ihren winzigen Gehirnen brennt bereits mein ganzer Zorn. Sie sind Gefangene in ihrem Fleisch – und ich bin die Wärterin.
79. Tag nach dem Sturm – Das vierfache Schweigen Heute kamen sie. Drei Mädchen. Aber es gab keine Erlösung, keine Trennung, wie ich sie mir in meinen Fieberträumen vorgestellt hatte. Als sie meinen Leib verließen, fühlte es sich nicht an, als würde ich neues Leben in die Welt setzen. Es war, als würde man eine Hand in vier Finger spalten – ein schmerzhaftes, unnatürliches Dehnen meines eigenen Seins.
Die Hebamme wich entsetzt zurück, als sie das erste Kind hochhob. Das Mädchen weinte nicht. Warum sollte es auch? Ich spürte den ersten Schrei in meiner eigenen Kehle feststecken, während ich die kalte Luft des Zimmers auf ihrer Haut fühlte. In demselben Moment, in dem die Erschöpfung meinen Körper im Bett lähmte, spürte ich das Pochen des Lebens in drei anderen kleinen Herzen.
Sie sind gesund. Sie sind vollkommen. Aber sie sind stumm.
Es ist kein Frieden in diesem Zimmer, es ist ein vierfaches Schweigen. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich sie nicht – ich bin sie. Ich spüre das raue Tuch der Windeln an drei Stellen gleichzeitig, während ich hier liege. Es gibt keine Grenze mehr zwischen uns. Ich starre aus drei Wiegen gleichzeitig zurück auf die erschöpfte Frau im Bett, die einmal ich war.
Ich weiß noch immer nicht, was das Licht mit uns getan hat. Ich weiß nur, dass ich nicht mehr allein in meinem Kopf bin. Wir sind eins, verteilt auf vier Körper, und jedes Mal, wenn eines der Kinder die Hand bewegt, zuckt mein eigener Finger im Takt dazu. Wir sind ein unheimliches Echo unserer selbst.
85. Tag nach dem Sturm – Das Echo Die Welt sieht eine Witwe mit drei Waisen. Sie begreifen es nicht. Ich trage keine Last. Ich bewohne sie. Ich übe. Ich lerne, wie man vier Körper gleichzeitig dirigiert. Es ist berauschend. Ich nehme alles wahr – den Duft des Tees, das ferne Lachen im Flur durch Sonetas Ohren, die Kühle des Bodens durch Solessas Berührung.
Kaelen ist fort. Vielleicht ist das gut so. Er hätte die Angst in meinen Augen gesehen – oder in den sechs anderen Augen, die ihn genauso erkannt hätten wie ich. Ich werde die gebrochene Mutter spielen, bis ihre Körper stark genug sind.