Gwentin – Die 500 Jahre
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Der Sieg über Sotheria
Der Kampf gegen Sotheria war der Moment, in dem Gwentin der Welt bewies, dass das Imperium nicht unbesiegbar war. Eine einzelne Solwen-Kassarin – die mächtigste ihrer Zeit – war von einem einzigen Menschen bezwungen worden. Einem Sklaven. Einem Fluch-Ritter.
Aber Gwentin blieb nicht, um den Sieg zu feiern. Er verschwand, wie er gekommen war – allein, ohne Worte, ohne Anspruch auf Ruhm.
Und dann begann das, was er nicht vorausgesehen hatte.
Die Unsterblichkeit
Jahre vergingen. Dann Jahrzehnte. Dann Jahrhunderte.
Gwentin alterte nicht.
Die Drachenessenz in seinem Herzen hielt seinen Körper in jenem Zustand fest, in dem Tuman ihn gereinigt hatte. Drahtig. Sehnig. Narbig – aber funktional.
Und er stellte fest, dass er nicht sterben konnte.
Nicht, weil er unverwundbar war. Sondern weil die Essenz ihn immer wieder zurückholte. Wenn er verwundet wurde, heilte er. Wenn er getötet wurde – und es geschah mehr als einmal – erwachte er wieder. Sein Körper baute sich selbst auf. Knochen wuchsen zusammen. Organe regenerierten sich. Selbst ein durchbohrtes Herz schloss sich erneut, angetrieben von der Drachenessenz, die keine Wahl ließ.
Er war gefangen in einem Körper, der nicht aufhörte zu existieren.
Die Korrosion der Seele
Aber sein Körper war nicht seine Seele.
Und die Seele eines Menschen war nicht dafür geschaffen, fünfhundert Jahre zu ertragen, was Gwentin ertragen hatte.
Sie fing an zu bröckeln.
Es war kein plötzlicher Zerfall. Es war ein langsames, schleichendes Abbröckeln – wie Stein, der vom Wind geschliffen wird. Erinnerungen verblassten. Gesichter, die er einst gekannt hatte, wurden zu Schatten. Die Stimmen derer, die er geliebt hatte – Daira, deren Schreie er immer noch hörte – wurden leiser, verzerrter, fremder.
Die Korrosion fraß an seinem Inneren. Nicht an seinem Verstand – der blieb scharf, klar, kalkulierend. Aber an dem, was ihn menschlich machte. An dem Teil von ihm, der fühlen konnte. Der trauern konnte. Der Hoffnung haben konnte.
Je mehr die Seele zerfiel, desto weniger blieb übrig.
Die Flucht ins Hier und Jetzt
Um der Korrosion zu entgehen – oder sie zumindest zu verlangsamen – entwickelte Gwentin einen Mechanismus, der so einfach wie zerstörerisch war:
Er lebte nur noch im Hier und Jetzt.
Nicht die Vergangenheit. Nicht die Zukunft. Nur der Augenblick.
Und um den Augenblick intensiv genug zu machen, um den Zerfall der Seele zu übertönen, suchte er das Extreme:
Lust. Den Rausch. Die Ekstase. Alles, was seinen Körper für einen Moment zum Glühen brachte und die Leere in ihm übertönte.
Kampf. Die rohe, unverfälschte Gewalt. Das Adrenalin, das Blut, das Brechen von Knochen – sein eigenes und das anderer. Schmerz war real. Schmerz war jetzt. Schmerz lenkte ab.
Schmerz. Nicht nur den, den er anderen zufügte – sondern den, den er selbst ertrug. Denn Schmerz war das Einzige, was ihn noch spüren ließ, dass er existierte.
Die vielen Leben
In fünfhundert Jahren war Gwentin alles, was man sein konnte – und nichts davon für lange genug, um es zu bedeuten.
| Rolle | Zeitraum | Was er fand |
|---|---|---|
| König | ~80 Jahre | Er herrschte über ein Reich, das ihn vergötterte – und das er verachtete. Macht war leer, wenn man nicht sterben konnte. |
| Pirat | ~40 Jahre | Auf stürmischen Meeren, unter dem Salz und dem Blut, fand er für einen Moment das, was er suchte: das Gefühl, jeden Tag der letzte sein zu können. Aber er wusste, dass er es nicht war. |
| Bettler | ~60 Jahre | Er lebte im Dreck, fraß aus Abfällen, schlief unter Brücken. Nicht, weil er musste – sondern weil er wissen wollte, ob es noch etwas gab, das ihn brechen konnte. Es gab nichts. |
| Krieger | ~200 Jahre | Immer wieder. In immer wieder neuen Armeen, unter immer wieder neuen Fahnen. Der Kampf war das Einzige, das sich nie veränderte. |
Aber es gab nicht mehr viel, das noch blieb. Die Welt wiederholte sich. Gesichter wechselten, aber die Muster blieben. Imperien stiegen auf und fielen. Kriege wurden geführt, verloren, vergessen. Und Gwentin war immer da – zusehend, teilnehmend, überlebend.
Er war müde. Aber er konnte nicht aufhören.