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Gwentin – Das Sklavenkind

Zurück zum Profil: Gwentin – Der Schicksalslose


Seraphina Dussai – Die gebrochene Mutter

Gwentins Mutter war keine gewöhnliche Sklavin. Sie war Seraphina Dussai – auch Daira genannt –, ein von den Göttern gesegnetes Kind aus dem angesehenen Haus Dussai, einer Grafenfamilie von Rang und Ehre. Ihr Lächeln konnte die dunkelste Seele erleuchten, verhärtete Herzen erweichen. Ihr Name stand für Schönheit, Talent und Barmherzigkeit. Ganzer Stolz ihres Hauses.

Doch das Schicksal hatte andere Pläne für das junge Mädchen.

Der Verrat

Ihr eigener Bruder verriet das Imperium. Der Verrat erschütterte Haus Dussai bis in die Grundfesten, und die Strafe des Soma-Imperiums war erbarmungslos. Man zwang Seraphina, den Preis für die Fehler anderer zu zahlen – ein Exempel an einer Unschuldigen, um die Grausamkeit des Imperiums zu demonstrieren. Abschreckung für alle, die noch etwas zu verlieren hatten – oder jemanden.

Die Zelle

Seither war sie gefangen zwischen den kalten Mauern ihrer Zelle und den noch kälteren Blicken der Wächter. Sie war nicht mehr die Frau, die sie einst gewesen war. Ihre Augen hatten den Glanz verloren, der einst wie Sterne am Nachthimmel leuchtete. Nun waren sie matt und leer, ein Spiegelbild ihrer zerschmetterten Seele.

Die Wächter witzten gerne über sie. Sie war ihr Spielzeug, ihre Trophäe. Hohn folgte ihren Worten, wenn sie von ihrer einstigen Jugend voller Strahlkraft sprachen, nur um ihr aufs Neue vor Augen zu führen, was sie alles verloren hatte.

Fünf Kinder – nur eines überlebte

Die ständigen Übergriffe zwangen ihr fünf Kinder auf. Das erste von ihnen – Gwentin.

Die Wächter wählten diesen Namen mit Bedacht: Der Name ihres Bruders, des Mannes, dem sie ihr Leid zu verdanken hatte. Jede Erwähnung war ein weiterer Stich, eine weitere Demütigung.

Alle anderen Kinder verstarben kurz nach ihrer Geburt. Durch Krankheit. Unterernährung. Gewalt.

Gwentin war der Einzige, der überlebte.

Eine Mutter, die nicht lieben konnte

Ungeliebt. Unbeachtet. Gemieden.

Dieses Kind war für Seraphina nichts als eine schmerzhafte Erinnerung an das Leid, das sie hatte ertragen müssen. Den Grund, weshalb sie hier war. Ein Teil ihrer Folter.

Allein der Anblick ihres eigenen Kindes löste in der gebrochenen Frau Zustände der Angst aus. Sie hatte sich sehr gewünscht, dass auch dieser Junge, so wie die anderen ihrer Kinder, vergehen würde. Verwelken.

Sie stand davor, dieses Kind zu töten. Die Seele des Kindes mit ihren eigenen Händen aus seinem Leib zu pressen. Ihm die letzte Güte einer Mutter zuteilwerden zu lassen und dieses unschuldige Leben vor einem solchen Schicksal zu wahren. Sich selbst und das Kind zu erretten erschien ihr als der beste Ausweg.

Doch sie war schwach. Der Rest ihrer Menschlichkeit hielt sie ab davon, ihr einziges Kind zu töten.

Und nun war es zu spät. Ihr Verstand wurde mit jedem Tag mehr von einer zähen Gleichgültigkeit umnebelt, ihr Körper schwer und träge.

Die erste Begegnung

Trockene Lippen, die Haut so spröde, dass sie riss. Schwere Glieder, die Augen erschöpft und den Blick trüb auf eine Wand gelegt. Als könnte er sehen, was sich dahinter verbarg – all die Möglichkeiten und Chancen, die sich ihm niemals ergeben würden.

Der Morgen kündigte sich lange vor dem Tagesanbruch an. Stunden bevor die ersten Sonnenstrahlen durch das mickrige Fenster in seine enge Zelle drangen, hörte man bereits die schweren Schritte der Wächter. Jeder Fußtritt ein Echo in den düsteren Fluren. Ein Versprechen von Leid.

Die Frau, die nur wenige Meter ihm gegenüber saß – schwach, ausgelaugt und ausgebrannt, wie er selbst – war eine stumme Zeugin seines Schicksals. Seine Mutter. Ihre Augen trafen sich für einen flüchtigen Moment. Einen Moment geteilten Leids und erstickter Hoffnung.

Trotz allem kannte der Junge diese Frau kaum, obwohl er sein ganzes, junges Leben lang an ihrer Seite war. Die Frau, die ihm das Leben schenkte, nur um ihm seine Zukunft zu entreißen. Geboren – nicht in eine Wiege, sondern in Ketten. Umgeben von feuchten, modrigen Wänden, die den Schrei der Verzweiflung in jeder Ritze wiederhallen ließen.

Alles, was seine Mutter ihm hätte geben können – Liebe, Geborgenheit, Trost – wurde ihr bereits von anderen entrissen. Er wusste nicht, wie er ihr begegnen sollte. Sie war kalt zu ihm, und in ihrem Herzen war nur noch Platz für Apathie. Ihr Wille war bereits vor Jahren gebrochen, ihr Körper auch.

Der Junge verspürte Mitgefühl und Schuld. Aber er konnte nichts tun, um seine Mutter zu retten – genauso wenig, wie sie ihn hatte retten können. Oder wollen, als er noch ein hilfloses Bündel war.

Ihr gemeinsames Schicksal war durch Dunkelheit versiegelt. Eine Dunkelheit, die alles verschlingt, was schön und gut ist.

Der Wächter

Die schweren Schritte hallten in dem dunklen Gang außerhalb der Zelle wider. Die Wächter waren auf dem Weg.

Jeden Morgen sah der Junge seine Mutter mit ihnen gehen, ihre Gestalt von den Wächtern geschoben, ihre Schritte schwer und zögerlich. Jedes Mal kehrte sie nach langen Stunden zurück, ihr Geist noch weiter geschunden, ihre Kraft noch mehr erloschen. Die Tage verschmolzen zu einer endlosen Kette aus Leid und Verlust.

Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Langsam, sehr langsam öffnete sich die Tür. Die rostenden Scharniere krächzten unter ihrem Gewicht. Dieses bedrohliche Geräusch allein war genug, um Panik in der gebrochenen Frau zu wecken.

Es fühlte sich an wie Ewigkeit, bis die Tür schließlich an der Wand stoppte. Der Wächter, der in den Raum trat, genoss diesen Moment. Die Dramatik, die er selbst inszenierte. Er ließ sich Zeit. Schweigend betrat er den Raum, über sein unrasiertes Gesicht zog sich ein breites, widerliches Grinsen. Er war erregt vor Vorfreude über das, was er bald tun würde. Seine Augen ergötzten sich über das Leid seiner Opfer. Eine Droge, die er immer wieder suchte.

Guten Morgen, meine Zuckerblume,<< flüsterte er ihr sanft zu. >>Hattest du einen erholsamen Schlaf?<<

Auf seine Frage folgte keine Antwort. Diese hatte der Wächter auch gar nicht erwartet. Langsam griff er nach der Frau, die vor ihm am Boden kauerte. Er ergriff ihren Hals, stemmte sie gegen die Wand und hob sie entlang dieser hoch, bis ihre Füße kaum mehr den Boden berührten. Dann packte er sie am Arm und zog. Sein Griff war unnachgiebig und grob. Sie stolperte und fiel, doch der Wächter zerrte sie wieder auf die Beine, als wäre sie nichts weiter als ein lebloser Gegenstand.

Man erblickte das Flackern von Schmerz und Verzweiflung in ihren Augen, bevor sie aus der Zelle gezerrt wurde, wo auch die übrigen Wächter auf sie warteten.

Die Grube

Das Gefühl, das zurückblieb, war überwältigend. Der Junge saß allein in der Dunkelheit, umgeben von den schattenhaften Erinnerungen an die Schreie, die diese Mauern immer wieder durchdrangen.

Er würde bald an der Reihe sein. Auch er würde dem unaufhaltsamen Rad der Folter und Erniedrigung nicht entkommen können.

In den Quartieren der Wächter herrschte ein anderer Geruch – eine Mischung aus Alkohol, Schweiß, Blut und der unverkennbaren Note des Todes. Für die Wächter war der Junge über die Zeit zu einem Maskottchen geworden. Jedes Mal, wenn sie ihn holten, wusste er, dass eine neue Tortur auf ihn wartete.

Der Alkohol, den sie ihm gaben, brannte in seinem Magen und benebelte seine Sinne. Aber er konnte sich nicht wehren. Nach und nach verschwanden die Schmerzen und die Sinne ergaben sich dem Rausch. Sie ließen ihn bis zur Erschöpfung schuften, bis seine Hände blutig waren und seine Muskeln versagten.

Das schlimmste Spiel war das Kämpfen in der Grube – zur Belustigung der Wächter, während diese sich an Sklaven vergriffen und sich die Bäuche mit Essen und Alkohol füllten.

Seine Gegner waren meist Hunde – bemitleidenswerte Kreaturen, ebenso gefangen wie er. Von den Wächtern aufgehetzt und auf ihn losgelassen. Die Augen voll Angst und die Herzen voll Wut, Zähne scharf wie Dolche.

Mit der Zeit lernte der Junge, sich zu wehren. Die wichtigsten Punkte seines Körpers zu schützen, die wilden Angriffe der Bestien abzuwehren, sie in die Irre zu führen und abzulenken. Zu töten. Zu überleben.

Dies gefiel den Wächtern sehr. Sie schlossen Wetten ab, lachten und jubelten, während der Junge sich gegen die Tiere zur Wehr setzte. Ihre Gesichter, vor grausamer Freude verzerrt. Für sie nicht mehr als ein Spiel. Vergnügen. Eine Weise, den kleinen Menschen zu brechen, ihm seiner letzten Reste von Menschlichkeit zu berauben.

Jeder Kampf hinterließ Narben. Auf seinem Körper. In seiner Seele.

Die Stille

Am Ende, wenn die Hunde erschöpft waren, die Wächter gelangweilt und er blutend und zitternd am Boden lag, kehrte die Stille zurück. Eine kalte Umarmung, die daran erinnerte, dass es keinen Ausweg gab.

Und doch war da etwas in eben dieser Stille. Etwas, das ihm Trost gab. Wie ein leises, kaum hörbares Flüstern. Es floss in sein kleines Herz, umschloss es und bildete eine Schutzhülle – einen Panzer. In dieser Hölle, wo Schreie der Gefolterten zu einem unaufhörlichen Klagelied verschmolzen, lernte der Junge, dass das wahre Grauen nicht in den äußeren Qualen lag, sondern in der allmählichen Zersetzung der Seele.

Die Stille – Balsam, der seine Seele heilte und ihm Kraft verlieh.

Wenn er nachts auf dem Boden in der Zelle fror. Wenn er vor Fieber, welches durch die entzündeten Wunden durch sein Fleisch kroch, fast verbrannte. Wenn sein Verstand allmählich flüchtig wurde unter den Qualen. Lauschte er dieser sanften Melodie in seinem Inneren. Entflohen der erbarmungslosen Realität und ließ sich sinken, bis er jenen Ort erreichte, an dem er sicher war. Dort hörte er es, klar und rein. Wie eine Stimme, die für ihn sang. Eine zarte Berührung in einer Welt ohne Form, ohne Leid, ohne Zeit. Die Quelle seiner Kraft, sein Licht und seine Wärme.

Trost – ein seltenes Gefühl – strömte durch die Seele des Jungen. Ganz wie eine Umarmung, wie das Gefühl, gebraucht zu werden. Hier wollte er sein, nicht dort. Fern von Leid, fern von Hass und Verachtung, fern von den Hunden, den Wächtern. Fern von – und da wurde es dem Jungen klar – der Frau, die seine Mutter war.

Jedes Mal, wenn der Junge an der Schwelle des Todes stand und sein Leben langsam erlosch, hörte er aus seinem Inneren diese Stille. Als wollte sie ihm sagen:

Noch nicht!<<

Das Opfer der Daira

In einem letzten Aufblitzen mütterlicher Instinkte, als sie sah, wie ihr einziger lebender Sohn von Hunden zerfleischt werden sollte, stürzte sich Daira in die Grube, um ihn zu schützen.

Ihr Opfer kostete sie das Leben. Doch Gwentin überlebte durch den verzweifelten Akt seiner Mutter. Ihre Schreie und die blutigen Echos ihres Todes hallten in der Dunkelheit wider – ein düsterer Tribut an die grausame Willkür des Soma-Imperiums.

In diesem Moment, als er seine Mutter sterben sah, starb etwas in Gwentin. Aber etwas anderes erwachte. Etwas, das tiefer ging als Zorn. Tiefer als Hass.

Ein Wille, der nicht mehr gebrochen werden konnte.

Stillschweigend

Der Junge überlebte. Wieder und wieder. Ein Tag jagte den nächsten.

Mit der Zeit gewöhnten sich die Wächter an den zähen, kleinen Kerl, der ihren Misshandlungen trotzte und entgegen aller Erwartungen sich erhob – ganz gleich, wie oft er fiel. Mancher von ihnen fing an, diesen Jungen sogar zu mögen. Ein Hauch von widerlicher Sympathie. Reste von dem, was einmal Menschlichkeit war.

Zunehmend durfte er ihnen Gesellschaft leisten.

Stillschweigend brachte er ihnen Alkohol, Drogen, Waffen, Werkzeuge.
Stillschweigend sah er ihnen zu, wie sie Andere – Sklaven wie ihn – quälten.
Stillschweigend wischte er Blut vom Boden, nachdem die Wächter ihren Spaß hatten.
Stillschweigend säuberte er das Werkzeug und die Waffen.
Stillschweigend aß er die Reste, die sie ihm gaben – eine Belohnung.

Das Fackellicht in dem Gewölbe zeugte noch von den Qualen der Menschen, bevor die Stille sie umarmte. Am Ende des Raums war noch immer der leblose Körper eines Knaben – kaum zwanzig Jahre alt – an ein hölzernes Kreuz genagelt. Die Wächter hatten sich nicht die Mühe gemacht, ihn zu fesseln. Sie hatten nie vor, den jungen Mann je gehen zu lassen. Stahlnägel zierten seine Gliedmaßen, seine Brust und schließlich auch seinen Kopf.

Der Junge wusste genau, dass auch er selbst eines Tages an seiner Stelle hängen würde, wenn nicht vorher die Hunde ihn zerfleischten.

He! Was stehst du da so blöd rum?!<< Donnerte die Stimme eines Wächters von hinter ihm. Benommen von dem Übermaß an Alkohol stolperte dieser auf den Jungen zu, nicht mehr Herr seiner Sinne. >>Gefällt dir etwa, was du siehst, Kleiner? Stehst du auf Würstchen, oder was?<<

Unfähig, eine Antwort zu geben, wandte der Junge sogleich den Blick ab, schaute zu Boden, um nicht zu provozieren.

Was ist?!<< bohrte der Wächter nach. >>Schon gut! Du brauchst dich nicht so zu zieren!<<

Der Wächter packte den Jungen am Kopf und drückte ihn, mit aufbrausender Gewalt, gegen die Magengegend des leblosen Körpers. >>Los! Koste doch ein wenig!<<

Der Junge tat, was er immer tat. Nichts. Er ertrug. Er überlebte. Er wartete.