Die Zeit des Ruins
Wesen des Zeitalters
Die Zeit des Ruins beginnt, als Kankadas kaum noch als lebendige Welt bestehen kann.
Dies ist kein Zeitalter großer Reiche mehr. Keine Epoche der Eroberungen, Revolutionen oder letzten Bündnisse. Die meisten Völker sind verschwunden, geflohen, ausgestorben oder in Formen übergegangen, die kaum noch an ihre Ursprünge erinnern.
Kankadas ist nicht vollständig vernichtet.
Aber es ist leer.
Städte stehen noch, doch niemand bewohnt sie. Himmelswerke hängen zerbrochen über grauen Ebenen. Alte Maschinen laufen ohne Zweck weiter. Tempel sind offen, aber ihre Götter antworten nicht. Bibliotheken enthalten Bücher, deren Schrift verblasst ist. Straßen führen durch Länder, in denen seit Jahrhunderten niemand mehr reist.
Die Welt erinnert noch an Leben.
Aber nur wie ein fernes Echo.
Die leere Welt
In dieser Zeit ist Kankadas kaum noch ein Ort für gewöhnliche Geschichten.
Es gibt keine großen Königreiche mehr, keine lebendige Ordnung, keine Gesellschaft, die noch wirklich Geschichte schreibt. Was existiert, sind Überreste: Ruinen, Archive, Geisterstädte, halb funktionierende Maschinen, tote Drassil-Wurzeln, gebrochene Weltensäulen und Orte, an denen Magie nur noch wie Restwärme in kaltem Stein liegt.
Manche Regionen sind völlig still.
Manche wiederholen alte Augenblicke.
Manche bewahren Stimmen ohne Sprecher.
Manche zeigen Bilder vergangener Zeitalter, ohne dass jemand weiß, ob es Erinnerung, Magie oder Verfall ist.
Kankadas ist zu einem Weltleichnam geworden.
Nicht tot genug, um verschwunden zu sein.
Nicht lebendig genug, um wirklich bewohnt zu werden.
Reisende zwischen den Welten
Die wenigen, die Kankadas in dieser Zeit betreten, stammen meist nicht mehr aus Kankadas selbst.
Es sind Reisende zwischen den Welten. Sucher, Flüchtlinge, Gelehrte, Plünderer, Pilger, Wesen der Ewigkeit oder andere Fremde, die durch die Ruinen ziehen und nur erahnen können, was hier einst geschah.
Für sie ist Kankadas kein Heimatort.
Es ist ein Rätsel.
Sie finden Spuren der Drachenherrschaft, verbrannte Archive aus der Zeit der Läuterung, zerfallene technomagische Städte, tote Maschinen aus der Zeit des Gläsernen Himmels und Wurzelreste eines Heilungsversuchs, der nicht vollendet wurde.
Aus diesen Trümmern versuchen sie, eine Geschichte zu bergen.
Nicht um Kankadas zu retten.
Vielleicht ist es dafür längst zu spät.
Sondern um zu verstehen, welche Welt hier zugrunde ging — und ob ihr Untergang eine Warnung für andere Welten ist.
Das Echo der Zeitalter
In der Zeit des Ruins sind die früheren Epochen nicht verschwunden. Sie liegen übereinander wie Staubschichten.
Die Zeit der Götter lebt in gebrochenen Weltensäulen weiter.
Die Herrschaft der Drachen lebt in riesigen, leeren Knochenhallen weiter.
Der Drachenfall lebt in Schlachtfeldern weiter, auf denen kein Gras mehr wächst.
Die Spaltung lebt in zerstörten elwischen Archiven weiter.
Die Läuterung lebt in verlassenen Kammern der Einschmelzung weiter.
Das Erwachen lebt in ausgebrannten Magierstädten weiter.
Die Stille lebt in zerbrochenen Registern weiter.
Die Entdeckungen und Maschinen leben in rostenden Wundern weiter.
Der Gläserne Himmel lebt in abgestürzten Himmelsstädten weiter.
Die Heilung lebt in toten Wurzeln weiter.
Die Risse leben in Orten weiter, die nie wieder ganz geworden sind.
Kankadas ist nun seine eigene Ruine.
Alles, was diese Welt war, kann noch gefunden werden.
Aber nichts davon ist mehr vollständig.
Ideologischer Kern
Der zentrale Konflikt dieses Zeitalters lautet:
Hat eine Welt noch Bedeutung, wenn niemand mehr in ihr lebt, der sich an sie erinnert?
Die Reisenden sagen:
„Wir müssen bergen, was noch zu bergen ist.“
Die Plünderer sagen:
„Eine tote Welt besitzt keine Erben.“
Die letzten Echos sagen:
„Wir waren.“
Die Leere sagt nichts.
Und gerade dieses Schweigen ist das Furchtbarste.
Ende des Zeitalters
Die Zeit des Ruins endet, wenn auch die letzten Spuren Kankadas verblassen.
Die Ruinen zerfallen.
Die Maschinen verstummen.
Die Archive verlieren ihre Namen.
Die letzten Echos werden still.
Die Welt zieht sich weiter zusammen.
Was nicht geborgen wurde, geht verloren. Was nicht erinnert wurde, wird ununterscheidbar vom Staub. Was nicht tief genug in der Weltstruktur verankert ist, wird die kommende Verdichtung nicht überstehen.
Am Ende bleibt keine Geschichte mehr, die erzählt wird.
Nur noch der Rest einer Welt, die einst Kankadas hieß.
Damit beginnt Die Singularität.