Die Zeit des Gläsernen Himmels
Wesen des Zeitalters
Die Zeit des Gläsernen Himmels ist das Zeitalter, in dem Kankadas seine höchsten technomagischen Möglichkeiten erreicht.
Was in der Zeit der Entdeckungen begann und in der Zeit der Maschinen zur Grundlage des Alltags wurde, wächst nun über die Grenzen der alten Welt hinaus. Die Völker errichten Himmelsstädte, Sphärenschiffe, orbitale Runenringe, künstliche Klimazonen und gewaltige Schutzsysteme. Ihre Maschinen dienen nicht länger nur der Versorgung, dem Handel oder dem Krieg.
Zum ersten Mal versuchen die Völker, Kankadas als Ganzes zu kontrollieren und zu bewahren.
Über den Kontinenten entstehen schwebende Städte. Runenringe ziehen sich wie künstliche Sterne um die Welt. Schutzfelder halten Stürme, fremde Einflüsse und magische Verwerfungen zurück. In den Tiefen der Meere und unter den Gebirgen arbeiten gewaltige Maschinen daran, die Ströme von Magie, Wärme und Seelenkraft zu lenken.
Von der Oberfläche aus erscheint der Himmel dadurch manchmal wie Glas.
Er ist von leuchtenden Runenlinien durchzogen. Gewaltige Schutzfelder spiegeln das Licht der Sterne. Himmelsstädte werfen Schatten auf Länder, die ihre Bewohner kaum noch betreten. Zwischen ihnen ziehen Sphärenschiffe ihre Bahnen durch eine Welt, die sich selbst für beinahe grenzenlos hält.
Doch Glas ist nicht nur klar und glänzend.
Es ist auch spröde.
Je größer die Möglichkeiten der Völker werden, desto deutlicher erkennen sie, dass Kankadas selbst geschwächt ist. Seit dem Drachenfall verlieren die alten Weltensäulen an Kraft. Die Königsdrachen, die einst Teile der Weltordnung trugen, sind gefallen, verschwunden, gebunden oder so schwer verwundet, dass sie ihre ursprüngliche Aufgabe nicht mehr erfüllen können.
Technomagie kann viele Folgen überbrücken.
Sie kann Regionen schützen.
Sie kann magische Ströme umleiten.
Sie kann zerstörte Landschaften künstlich versorgen.
Sie kann Seelenwege stabilisieren und fremde Einflüsse zeitweise zurückdrängen.
Doch sie kann die ursprüngliche Wunde Kankadas nicht schließen.
Einflüsse aus Leere und Fülle dringen immer stärker in die Welt ein. Manche Schutzsysteme halten sie zurück. Andere versagen. Wieder andere verschlimmern das Problem, weil sie Kräfte berühren, die nicht für sterbliche Kontrolle geschaffen wurden.
Die Zeit des Gläsernen Himmels ist daher kein reines Zeitalter des Fortschritts.
Sie ist der Moment, in dem die Völker erkennen, dass ihre größte Technologie nicht ausreicht, wenn die Welt selbst stirbt.
Die künstliche Weltordnung
Die großen technomagischen Systeme erschaffen über lange Zeit den Eindruck, Kankadas sei geheilt.
Wetter wird gelenkt.
Magische Stürme werden abgeleitet.
Seelenströme werden vermessen.
Beschädigte Regionen werden unter Schutzkuppeln eingeschlossen.
Städte schweben über unbewohnbaren Ländern.
Nahrung, Wasser und Wärme werden durch Maschinen erzeugt.
Doch diese Ordnung ist nicht natürlich.
Sie liegt wie ein künstliches Netz über den beschädigten Gesetzen der Welt. Solange die Maschinen funktionieren, bleiben viele Folgen des Drachenfalls unsichtbar. Ganze Generationen wachsen in Städten auf, die nur deshalb existieren können, weil Tausende Runen, Kristallkerne und Resonanzfelder ununterbrochen miteinander verbunden sind.
Je leistungsfähiger diese Systeme werden, desto abhängiger wird Kankadas von ihnen.
Ein Ausfall bedeutet nicht mehr nur Dunkelheit oder den Stillstand einer Fabrik. Wenn ein Schutzring versagt, kann eine Himmelsstadt abstürzen. Wenn ein Seelenanker zerbricht, finden Verstorbene ihren Weg nicht mehr. Wenn eine Klimamaschine ausfällt, kann eine ganze Region innerhalb weniger Tage unbewohnbar werden.
Die Völker haben gelernt, die Symptome der kranken Welt zu beherrschen.
Doch sie haben dabei eine Zivilisation erschaffen, die ohne diese Krankheitssysteme selbst nicht mehr überleben kann.
Die Entdeckung der Weltkrankheit
Lange gelten die zunehmenden Störungen als technische Probleme.
Ingenieure verstärken die Schutzfelder. Magier verändern die Runen. Staaten investieren in größere Maschinen. Akademien entwickeln neue Berechnungen. Industriehäuser versprechen leistungsfähigere Kristallkerne.
Doch irgendwann lassen sich die Ausfälle nicht mehr als einzelne Fehler erklären.
An weit voneinander entfernten Orten treten dieselben Erscheinungen auf. Magie verhält sich widersprüchlich. Erinnerungen verschwinden aus Archiven, obwohl die Schrift erhalten bleibt. Verstorbene erreichen den Seelenkreislauf nicht mehr. Manche Regionen verlieren Farbe, Klang oder Bedeutung. Andere werden von unkontrollierbarem Wachstum, fremdem Leben und überquellender Magie heimgesucht.
Die Forscher erkennen, dass nicht die Maschinen versagen.
Die Gesetze, auf denen die Maschinen beruhen, werden unzuverlässig.
Kankadas verliert langsam die Fähigkeit, seine eigene Ordnung zu tragen.
Diese Erkenntnis verändert das gesamte Zeitalter. Aus Fortschritt wird Erhaltung. Aus Forschung wird Krisenbewältigung. Aus technomagischem Stolz wird die Angst, dass jede neue Erfindung nur noch etwas Zeit erkauft.
Die mächtigsten Zivilisationen Kankadas müssen sich eingestehen, dass sie nicht vor einem gewöhnlichen Zusammenbruch stehen.
Sie stehen vor einer Krankheit der Welt selbst.
Der Drassil-Samen
In dieser Zeit gelingt Forschern etwas, das lange als unmöglich galt:
Sie erhalten einen Samen von Drassil.
Ein Drassil ist kein gewöhnlicher Baum. Er ist Teil eines größeren Geflechts, das Welten, Seelen und Erinnerungen miteinander verbindet. Seine Wurzeln reichen nicht nur durch Erde und Gestein, sondern durch die tieferen Kreisläufe der Wirklichkeit.
Wenn der Samen in Kankadas Wurzeln schlagen könnte, würde er die Welt mit dem größeren Drassil-Netz verbinden.
Dadurch könnten beschädigte Seelenwege stabilisiert werden. Fremde Einflüsse könnten zurückgedrängt werden. Regionen, deren natürliche Gesetze bereits zu zerfallen beginnen, könnten neue Verankerung erhalten.
Für viele gilt der Samen deshalb als letzte Hoffnung.
Doch der Plan ist gewaltig.
Und gefährlich.
Kankadas würde dadurch nicht einfach nur geschützt. Die Welt würde Teil eines größeren Geflechts werden. Seelen, Erinnerungen, Magie und Weltgesetze würden künftig nicht mehr ausschließlich innerhalb Kankadas zirkulieren, sondern das Drassil-Netz berühren.
Niemand kann mit Sicherheit sagen, was das langfristig bedeutet.
Vielleicht würde Kankadas geheilt.
Vielleicht würde es abhängig.
Vielleicht würde es seine Eigenständigkeit verlieren.
Vielleicht würde es sich langsam in etwas verwandeln, das nicht mehr vollständig Kankadas ist.
Für manche ist der Samen Erlösung.
Für andere ist er eine neue Form der Unterwerfung.
Die einen sehen in ihm die letzte Möglichkeit, Kankadas vor dem Zerfall zu bewahren. Die anderen fürchten, dass die Welt an eine fremde Ordnung gebunden wird, die kein sterbliches Volk wirklich versteht.
Die Frage der Verwurzelung
Der Besitz des Samens bedeutet noch nicht, dass er sofort gepflanzt werden kann.
Ein Drassil kann nicht an einem beliebigen Ort Wurzeln schlagen. Der Samen muss mit den tiefsten magischen, seelischen und natürlichen Strömen einer Welt verbunden werden. Der Ort seiner Verwurzelung würde zu einem neuen Mittelpunkt der Weltordnung werden.
Diese Entscheidung ist daher nicht nur wissenschaftlich.
Sie ist politisch, religiös und metaphysisch.
Mehrere Orte werden vorgeschlagen:
Alte Heiligtümer der Königsdrachen.
Die Narben großer Schlachtfelder.
Zentren des Seelenkreislaufs.
Die tiefsten technomagischen Anlagen.
Regionen, in denen Leere und Fülle bereits besonders stark eindringen.
Orte, an denen die ursprüngliche Ordnung Kankadas noch am deutlichsten spürbar ist.
Jede Wahl hätte andere Folgen.
Einige Staaten wollen den Samen innerhalb ihres eigenen Herrschaftsgebietes pflanzen. Sie behaupten, ihn schützen zu können, hoffen aber zugleich auf Einfluss über die künftige Weltordnung.
Maschinenkirchen wollen seine Wurzeln durch künstliche Systeme lenken.
Magierzirkel verlangen, dass kein Staat allein über die Verwurzelung entscheiden darf.
Drachenlinien sehen im Samen einen möglichen Ersatz für die gefallenen Weltensäulen, fürchten aber, dass Drassil die alte Ordnung endgültig verdrängen könnte.
Andere Gruppen wollen den Samen überhaupt nicht verwenden. Sie glauben, dass Kankadas lernen muss, aus eigener Kraft zu bestehen – selbst wenn der Versuch die Welt zerstört.
So wird aus der letzten Hoffnung ein neuer Grund für Misstrauen und Machtkampf.
Der Kampf um den Samen
Auch die Wesen der Leere erkennen die Gefahr.
Ein verwurzelter Drassil könnte ihre Zugänge schließen, ihre Korruption zurückdrängen und beschädigte Bereiche der Welt stabilisieren. Solange der Samen jedoch noch nicht mit Kankadas verbunden ist, bleibt er verletzlich.
Deshalb versuchen die Diener der Leere, ihn zu vernichten.
Sie greifen Forschungsstätten an.
Sie verderben Transportwege.
Sie löschen Wissen über mögliche Orte der Verwurzelung aus.
Sie dringen in Träume und Erinnerungen jener ein, die den Samen bewachen.
Sie säen Misstrauen zwischen Staaten, Zirkeln und Glaubensgemeinschaften.
Doch Vernichtung ist nicht ihre einzige Möglichkeit.
Noch gefährlicher ist Verderbnis.
Wenn die Leere den Samen berühren könnte, bevor er Wurzeln schlägt, würde aus Kankadas’ letzter Hoffnung möglicherweise eine neue Katastrophe. Ein verdorbener Drassil würde die Welt nicht heilen. Seine Wurzeln könnten Leere, falsche Erinnerungen und seelenlose Stille bis in die tiefsten Gesetze Kankadas tragen.
Darum wird der Schutz des Drassil-Samens zu einem der zentralen Konflikte dieses Zeitalters.
Forscher, Magier, Staaten, Zirkel, Drachenlinien und alte Hüter der Welt müssen entscheiden, ob sie den Versuch unterstützen, kontrollieren oder verhindern wollen.
Manche kämpfen aus Hoffnung.
Manche aus Angst.
Manche aus Machtgier.
Manche wollen Zeit gewinnen.
Und manche dienen bereits der Leere.
Die gespaltene Welt
Die Zeit des Gläsernen Himmels spaltet Kankadas.
Ein Teil der Völker sieht in Drassil die letzte Rettung. Sie glauben, dass Kankadas allein nicht mehr stark genug ist, um seine eigene Ordnung zu tragen.
Andere lehnen den Plan ab. Sie erinnern daran, dass Kankadas schon oft unter Mächten gelitten hat, die vorgaben, die Welt zu retten:
Drachen.
Elwen.
Solwen.
Magierherrscher.
Maschinenstaaten.
Für sie ist Drassil nur die nächste fremde Ordnung, die über das Schicksal der Welt gelegt werden soll.
Wieder andere wollen den Samen besitzen.
Wer über den Ort seiner Verwurzelung entscheidet, könnte Einfluss auf den künftigen Seelenkreislauf, die magischen Ströme und die stabilisierten Regionen Kankadas gewinnen. Selbst wenn kein Herrscher Drassil vollständig kontrollieren kann, reicht bereits die Hoffnung auf Einfluss, um Bündnisse, Kriege und Verrat auszulösen.
Damit entstehen neue Konflikte.
Nicht nur zwischen Völkern und Staaten.
Sondern zwischen Hoffnung und Misstrauen.
Zwischen Heilung und Selbstbestimmung.
Zwischen Schutz und Abhängigkeit.
Zwischen gemeinsamer Rettung und dem Wunsch, die Rettung zu besitzen.
Während diese Konflikte wachsen, wird die Zeit knapper.
Denn die künstliche Ordnung Kankadas beginnt zu zerbrechen.
Der gläserne Himmel zerbricht
Die ersten Zusammenbrüche sind regional.
Ein Schutzfeld über einer Stadt flackert.
Ein Runenring verliert seine Verbindung.
Ein Seelenanker verstummt.
Eine Himmelsstadt muss evakuiert werden.
Ein Gebiet verschwindet für wenige Augenblicke aus allen Karten und Erinnerungen.
Zunächst werden diese Ereignisse noch beherrscht. Neue Maschinen ersetzen alte. Magier schließen entstandene Wunden. Staaten verschweigen die Ausfälle, um Panik zu verhindern.
Doch die Störungen häufen sich.
Schutzsysteme, die Jahrhunderte funktioniert haben, versagen gleichzeitig. Berechnungen liefern widersprüchliche Ergebnisse. Magische Energie fließt an Orte, an denen sie nicht existieren dürfte. Manche Maschinen beginnen, Befehle auszuführen, die nie in sie eingeschrieben wurden.
Die großen Runenringe am Himmel werden zu sichtbaren Zeichen des Verfalls.
Sie flackern.
Sie reißen.
Sie werfen falsche Schatten.
Manche scheinen sich in mehrere mögliche Formen zu spalten.
Andere verschwinden, obwohl ihre Trümmer später auf die Welt hinabstürzen.
Der Himmel, der einst wie Glas glänzte, zeigt nun Sprünge.
Anfangs sind sie nur in den Schutzfeldern sichtbar.
Später liegen sie in der Wirklichkeit selbst.
Ideologischer Kern
Der zentrale Konflikt dieses Zeitalters lautet:
Darf eine Welt sich an etwas Fremdes binden, um nicht zu sterben?
Die Forscher sagen:
„Kankadas kann sich nicht mehr allein retten.“
Die Skeptiker sagen:
„Eine fremde Rettung ist nur eine andere Form von Herrschaft.“
Die Herrscher sagen:
„Wer die Rettung schützt, muss auch über sie entscheiden.“
Die Leere flüstert:
„Wenn Hoffnung Wurzeln schlagen kann, kann es auch Verderbnis.“
Die Anhänger Drassils sagen:
„Lieber gebunden leben als frei vergehen.“
Alle Positionen tragen einen Teil der Wahrheit in sich.
Denn der Drassil-Samen ist weder einfache Erlösung noch offensichtliche Verdammnis. Er ist ein möglicher Weg zur Heilung – aber ein Weg, dessen Folgen niemand vollständig begreifen kann.
Noch während die Völker darüber streiten, ob sie diesen Weg beschreiten dürfen, beginnt die Welt unter ihnen aufzubrechen.
Ende des Zeitalters
Die Zeit des Gläsernen Himmels endet nicht mit der Verwurzelung Drassils.
Sie endet mit dem Versagen jener künstlichen Ordnung, von der Kankadas abhängig geworden ist.
Die großen Schutzsysteme können die Schäden der Welt nicht länger verbergen. Orbitale Runenringe zerbrechen. Himmelsstädte stürzen ab oder werden voneinander abgeschnitten. Magische Ströme verändern ohne erkennbare Ursache ihre Richtung. Seelenwege enden an Orten, die zuvor nicht existierten.
Dann entstehen die ersten dauerhaften Risse.
Nicht nur in Maschinen oder Schutzfeldern.
In Raum.
In Zeit.
In Erinnerung.
In Magie.
In den Gesetzen der Natur.
Manche Risse führen in die Leere. Andere lassen die Fülle ungehindert in Kankadas strömen. Wieder andere öffnen sich zu Orten, die keiner bekannten Wirklichkeit angehören.
Der Drassil-Samen bleibt erhalten.
Doch er hat noch keine Wurzeln geschlagen.
Die Völker besitzen weiterhin eine mögliche Rettung, aber keine Einigkeit darüber, wie sie genutzt werden soll. Während Staaten, Zirkel und Glaubensgemeinschaften noch um den Samen, seinen Schutz und den Ort seiner Verwurzelung kämpfen, wird die Welt zunehmend unzuverlässig.
Der gläserne Himmel ist zerbrochen.
Was zuvor als Krankheit erkannt wurde, liegt nun als offene Wunde vor aller Augen.
Damit beginnt Die Zeit der Risse.