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Die Zeit des Erwachens

Wesen des Zeitalters

Die Zeit des Erwachens beginnt nach dem Fall der Soma-Ordnung. Viele Völker feiern zunächst Befreiung. Magier, die über Generationen verfolgt wurden, treten aus Verstecken, Kellern, Klöstern, Gefängnissen und Exilgemeinschaften hervor.

Die Einschmelzung verliert ihre zentrale Macht. Die Inquisition zerbricht. Reliktarmeen werden zerschlagen oder zerstreut. Archive brennen. Gefängnisse öffnen sich. Blutlinien, die jahrhundertelang nur im Flüstern weitergegeben wurden, treten wieder ans Licht.

Doch diese Befreiung wird nicht zu Frieden.

Denn mit den Magiern erwacht nicht nur eine unterdrückte Kraft. Es erwacht auch alles, was unter der Läuterung begraben wurde: Zorn, Scham, Angst, Stolz, Rache und der Wunsch, nie wieder ohnmächtig zu sein.

Die Zeit des Erwachens ist deshalb kein Zeitalter reiner Freiheit.

Sie ist das Zeitalter, in dem Shizjens Plan langsam aufgeht.

Die Elwen hatten einst geglaubt, die Welt nach dem Drachenfall führen zu können.
Die Solwen hatten geglaubt, Shizjens Geschenk aus den Seelen der Völker verbannen zu können.
Das Soma-Imperium hatte geglaubt, Magie einschließen, verwalten und ausmerzen zu können.

Doch trotz all dieser Bemühungen bleibt das Geschenk bestehen.

Es überlebt in Blutlinien.
Es überlebt in Kindern.
Es überlebt in vergessenen Familiennamen.
Es überlebt in Träumen, Zaubern und instinktiven Kräften.
Und mit ihm überlebt Shizjens Einfluss.

Als Soma fällt, fällt auch die letzte große Macht, die dieses Geschenk gewaltsam unterdrückt hat.

Nun beginnt es zu sprechen.

Shizjens Stimme

In der Zeit des Erwachens beginnt Shizjens Stimme durch die Magie zu flüstern.

Nicht laut für alle. Nicht als Drache am Himmel. Nicht als Befehl, dem niemand widerstehen kann. Seine Stimme ist leiser und gefährlicher.

Sie kommt durch Träume.
Durch Blut.
Durch Zauber, die anders klingen als zuvor.
Durch Momente, in denen Magier das Gefühl haben, dass ihre Kraft ihnen antwortet.
Durch Zorn, der sich plötzlich gerecht anfühlt.
Durch Macht, die sich nicht wie Werkzeug anfühlt, sondern wie Herkunft.

Shizjens Geschenk ist inzwischen weit in der Welt verbreitet. Viele Blutlinien tragen seinen Drachenfunken. Nach dem Fall Somas gibt es keinen zentralen Apparat mehr, der diese Magie unterdrückt. Die Solwen sind besiegt, geschwächt oder verstreut. Die Elwen haben ihre alte Kontrolle längst verloren. Die kurzlebigen Völker sind erschöpft, zerrissen und voller Misstrauen.

Jetzt findet Shizjen genug Träger.

Genug Wut.
Genug Schmerz.
Genug Stolz.
Genug Sehnsucht nach Bedeutung.

Seine Stimme sagt den Magiern nicht einfach: „Dient mir.“

Sie sagt:

„Ihr wurdet erniedrigt, weil ihr größer seid.“
„Ihr wurdet gefürchtet, weil ihr erwählt seid.“
„Die Magielosen haben euch gekettet.“
„Die Elwen haben euch belogen.“
„Die Solwen haben euch gejagt.“
„Die Welt gehört nicht denen, die euch fürchten.“
„Nun ist eure Zeit.“

Viele hören darin Wahrheit.

Und gerade deshalb ist es gefährlich.

Denn Shizjen lügt nicht immer. Er muss nicht lügen. Er nimmt echte Wunden, echte Schuld und echtes Leid und formt daraus eine Richtung.

Sein Ziel ist nicht bloß Rache an den Elwen. Diese Rache begann bereits mit seinem Geschenk. Sein größerer Plan ist tiefer: Die Völker Kankadas sollen die Welt selbst in einen Zustand bringen, in dem die Drachen zurückkehren können.

Nicht als einzelne Monster.
Nicht als ferne Legenden.
Sondern als Ordnung.

Shizjen will, dass die Völker durch ihre eigene Freiheit, ihren eigenen Zorn und ihre eigenen Kriege beweisen, dass sie Führung brauchen. Er will, dass Kankadas nach Drachen ruft, ohne zu begreifen, dass dieser Ruf aus seinem Geschenk geboren wurde.

Die Rückkehr des Drachenwillens

Die Zeit des Erwachens ist deshalb auch die Zeit, in der der Wille der alten Drachen wieder spürbar wird.

Nicht alle Drachen der alten Ordnung wurden im Drachenfall vernichtet. Manche fielen. Manche verschwanden. Manche wurden gebunden. Manche überlebten verborgen. Und manche hinterließen Blutlinien, Nachkommen oder Splitter ihrer alten Macht.

Einer dieser Überlebenden war Tuman, ein hoher Drache aus der Linie Woddas. Er hatte den Drachenfall überlebt und später Gwentin von seinem Fluch befreit. Damit stellte er sich bereits gegen das Erbe jener Ordnung, die einst über Kankadas geherrscht hatte. Tuman erkannte, dass Bewahrung nicht bedeuten durfte, die Völker erneut unter Drachenherrschaft zu zwingen.

In der Zeit des Erwachens tritt seine Nachkommin Rekka in diese Erbschaft.

Rekka gehört zu jenen Drachen, die Shizjens Plan nicht folgen.

Sie sieht die Völker Kankadas nicht als unschuldige Kinder. Sie weiß, dass sie Blut vergossen haben. Sie weiß, dass sie grausam sein können. Sie weiß, dass Menschen, Elwen, Solwen, Magier und Magielose ihren eigenen Weg oft mit Verrat, Krieg und Hochmut gepflastert haben.

Aber sie erkennt auch etwas, das Shizjen nicht anerkennen will:

Die Völker haben ihren blutigen Pfad gewählt.
Doch sie haben auch gelernt, ihn zu gehen.

Sie sind gefallen, aber nicht stehen geblieben.
Sie haben Tyranneien erschaffen, aber auch gebrochen.
Sie haben Magie missbraucht, aber auch erlitten.
Sie haben Drachen gestürzt, Elwen verlassen, Soma überlebt und dennoch weitergelebt.

Für Rekka wäre eine Rückkehr zur alten Drachenherrschaft keine Heilung.

Sie wäre nur der Beginn desselben Kreislaufs.

Drachen bewahren.
Völker wachsen.
Drachen fürchten den Wandel.
Völker rebellieren.
Die Welt blutet erneut.

Darum stellt Rekka sich gegen Shizjens Plan.

Nicht, weil sie die Völker für rein hält. Sondern weil sie glaubt, dass Kankadas nicht gerettet werden kann, indem man es in eine vergangene Ordnung zurückzwingt.

Die vergiftete Gabe

Shizjens Geschenk ist in der Zeit des Erwachens nicht mehr nur eine Quelle magischer Macht. Es wird als etwas erkannt, das tiefer in die Seelen der Träger eingreift.

Die Magie der kurzlebigen Völker ist nicht falsch, weil sie existiert. Sie ist auch nicht einfach böse. Viele Magier heilen, schützen, bauen, bewahren und lieben mit derselben Kraft, mit der andere töten.

Doch in dieser Magie liegt ein fremder Impuls.

Ein Drängen.
Ein Flüstern.
Eine Richtung.

Nicht jeder Magier hört Shizjens Stimme. Nicht jeder, der sie hört, folgt ihr. Doch je stärker Zorn, Angst, Stolz oder Verletzung in einer Seele sind, desto leichter findet sein Einfluss Halt.

So wird die zentrale Frage des Zeitalters nicht mehr nur, ob Magie erlaubt oder verboten sein soll.

Die Frage wird:

Kann Shizjens Geschenk von Shizjens Willen getrennt werden?

Für viele ist diese Vorstellung unmöglich. Die Solwen hätten darin die Bestätigung ihrer alten Ideologie gesehen: Magie ist Verderbnis und muss ausgemerzt werden.

Doch Rekka widerspricht.

Sie glaubt nicht, dass die Magie vernichtet werden muss. Sie glaubt, dass sie gereinigt werden kann — nicht im Sinne der solwischen Läuterung, nicht durch Einschmelzung, nicht durch Tod und nicht durch das Einsperren von Seelenkraft in Kristall.

Reinigung bedeutet für sie etwas anderes.

Die Magie soll den Völkern bleiben.
Aber Shizjens Stimme soll aus ihr entfernt werden.

Damit wird Rekka zur Gegnerin zweier Extreme.

Gegen Shizjen verteidigt sie die Freiheit der Völker.
Gegen die Reste solwischer Ideologie verteidigt sie das Recht der Magier zu existieren.

Die Magierkriege

Die Magierkriege entstehen nicht aus einem einzigen Aufstand. Sie entstehen aus vielen gleichzeitigen Brüchen.

Magier gründen freie Städte.
Ehemalige Soma-Provinzen zerfallen.
Nichtmagische Herrscher versuchen, alte Kontrolle wiederherzustellen.
Magierorden beanspruchen Sonderrechte.
Rachegerichte verfolgen ehemalige Kollaborateure.
Magiebegabte Adlige erklären sich zu neuen Herrschern.
Dörfer töten Magier aus Angst vor Vergeltung.
Magier töten Dörfer aus Angst vor neuer Verfolgung.

Die Welt kippt.

Während Soma Magie als Krankheit betrachtete, betrachten nun viele Magier Magielosigkeit als Minderwertigkeit. Aus Opfern werden Täter. Aus Verfolgten werden Herren. Aus Befreiung wird Herrschaftsanspruch.

Shizjens Stimme nährt genau diesen Wandel.

Sie muss keine Armeen führen.
Sie muss keine Tempel gründen.
Sie muss keine Könige krönen.

Sie muss nur flüstern, wenn verletzte Menschen nach Sinn suchen.

Ein Magier, dessen Familie der Einschmelzung zugeführt wurde, hört nicht nur Rache. Er hört Gerechtigkeit.
Eine Blutlinie, die sich jahrhundertelang verstecken musste, hört nicht Hochmut. Sie hört Wiederherstellung.
Ein Kind, das gelernt hat, seine Gabe zu fürchten, hört nicht Verführung. Es hört Befreiung.

So werden die Magierkriege zum zweiten Schlachtfeld von Shizjens Rache.

Der erste Krieg wurde mit Drachen, Elwen und Heeren geführt.
Dieser Krieg wird in Herzen, Blutlinien und Zaubern geführt.

Zustand der Gesellschaft

Die Gesellschaft zerbricht entlang neuer Linien.

Nicht mehr nur Volk gegen Volk.
Nicht nur Elwen gegen Menschen.
Nicht nur Solwen gegen Magier.

Sondern:

Magier gegen Magielose.
Blutlinien gegen Blutlinien.
Alte Soma-Eliten gegen Befreite.
Gemäßigte Magier gegen Erwachte.
Elwen gegen ihre eigene Schuld.
Solwenreste gegen alle.
Drachenfreunde gegen Drachengegner.
Jene, die Shizjens Stimme hören, gegen jene, die sie fürchten.

Viele Menschen, die Soma gehasst haben, beginnen sich nach seiner Ordnung zurückzusehnen, weil die Magierkriege noch unberechenbarer wirken. Sie erinnern sich an die Straßen, die Sicherheit, die geschützten Handelswege und die Zeit, in der Magie wenigstens einen Feind hatte, den man benennen konnte.

Das macht das Zeitalter bitter.

Die Läuterung war grausam.
Doch das Erwachen beweist den Ängstlichen scheinbar, dass Magier wirklich gefährlich sind.

Damit erhält Soma nach seinem Fall eine zweite Macht: die Macht der nachträglichen Rechtfertigung.

Solwenreste nutzen genau das. Sie zeigen auf brennende Städte, auf magische Massaker und auf Herrscher, die sich durch Blutmagie krönen, und sagen:

„Seht ihr? Wir hatten recht.“

Und viele, die unter Soma gelitten haben, wissen nicht mehr, was sie antworten sollen.

Die Rolle der Elwen und Solwen

Die Elwen sind in dieser Zeit nur noch ein Schatten ihrer früheren Macht.

Manche versuchen zu vermitteln. Manche ziehen sich weiter zurück. Manche werden gejagt, weil man sie für die Urschuld des Drachenfalls verantwortlich macht. Andere werden verehrt, weil sie noch immer als alte Meister der Magie gelten.

Doch ihre Stimme trägt nicht mehr wie früher.

Zu viele erinnern sich daran, dass die Elwen nach dem Drachenfall führen wollten. Zu viele erinnern sich daran, dass Sotheria und die Solwen aus elwischem Trotz hervorgingen. Zu viele fragen, ob nicht jeder Versuch, Magie zu ordnen, irgendwann wieder in Herrschaft endet.

Die Solwen sind geschlagen, aber nicht verschwunden.

Einige werden vernichtet.
Einige fliehen tiefer nach Stova.
Einige geben ihre Ideologie auf.
Andere radikalisieren sich weiter.

Für die Unbeugsamen unter den Solwen sind die Magierkriege der endgültige Beweis, dass die Läuterung notwendig war. Sie sehen in jeder magischen Gewalttat eine Bestätigung Sotherias. Sie sehen in jedem erwachten Blutzauber, jedem brennenden Dorf und jedem magischen Tyrannen den Schatten Shizjens.

Doch sie begreifen nicht, dass auch ihre eigene Grausamkeit Teil dieses Erwachens ist.

Die Magierkriege entstehen nicht trotz Soma.

Sie entstehen auch wegen Soma.

Rekkas Gegenbewegung

Rekka wird in dieser Zeit zu einer der wichtigsten Gegnerinnen von Shizjens Plan.

Sie sammelt keine Armeen, um die Welt erneut unter Drachenherrschaft zu zwingen. Sie gründet kein Drachenreich und verlangt keine Anbetung. Ihr Kampf ist schwieriger, leiser und weniger eindeutig.

Sie sucht nach Wegen, Shizjens Einfluss von der Magie zu trennen.

Dafür braucht sie Magier, die bereit sind, ihrer eigenen Kraft zu misstrauen, ohne sich selbst zu hassen. Sie braucht Elwen, die ihr altes Wissen teilen, ohne erneut herrschen zu wollen. Sie braucht ehemalige Solwen, die genug über Seelenschmelze, Aethelit und Einschmelzung wissen, um die Fehler ihrer Vergangenheit nicht zu wiederholen. Und sie braucht Völker, die begreifen, dass die Lösung nicht in Rückkehr, Auslöschung oder grenzenloser Freiheit liegt.

Rekkas Ziel ist keine neue Läuterung.

Sie will die Magie nicht aus den Seelen reißen.
Sie will Shizjens Stimme aus der Magie lösen.

Das ist ein gefährlicher Unterschied.

Denn wer sie missversteht, hält sie für eine neue Sotheria.
Wer ihr folgt, riskiert, von erwachten Magiern als Verräter gejagt zu werden.
Wer ihr widersteht, könnte ungewollt Shizjens Plan erfüllen.

In Rekka verdichtet sich deshalb der zentrale Gegenentwurf zur Zeit des Erwachens:

Nicht Drachenherrschaft.
Nicht Magierherrschaft.
Nicht solwische Läuterung.

Sondern eine Welt, in der Magie bleiben darf, ohne länger Werkzeug eines toten Königsdrachen zu sein.

Ideologischer Kern

Der zentrale Konflikt dieses Zeitalters lautet:

Ist erwachte Macht Freiheit — oder nur eine neue Form von Knechtschaft, wenn sie einer fremden Stimme folgt?

Die erwachten Magier sagen:

„Wir wurden lange genug gefürchtet. Nun fürchtet ihr uns.“

Die Magielosen sagen:

„Wenn das Freiheit ist, war Soma vielleicht nicht falsch, sondern nur grausam.“

Die Solwenreste sagen:

„Wir haben euch gewarnt.“

Shizjen flüstert:

„Ihr seid endlich, was ihr immer sein solltet.“

Rekka sagt:

„Nein. Ihr seid nicht frei, solange ihr seine Stimme für euren eigenen Willen haltet.“

Darin liegt die Tragik des Erwachens.

Die Magier erheben sich wirklich.
Ihre Wunden sind wirklich.
Ihre Freiheit ist wirklich.

Aber auch Shizjens Einfluss ist wirklich.

Und niemand kann auf den ersten Blick erkennen, wo Befreiung endet und Verführung beginnt.

Ende des Zeitalters

Die Zeit des Erwachens endet, als alle Seiten erschöpft sind.

Die Magierkriege verwüsten Reiche, Städte, Blutlinien und Landschaften. Viele der mächtigsten Magier sterben. Viele Relikte werden zerstört oder versiegelt. Ganze Regionen werden unbewohnbar oder magisch belastet.

Doch das Zeitalter endet nicht nur durch Erschöpfung.

Es endet, weil eine neue Einsicht entsteht:

Soma konnte Kankadas nicht retten, weil Unterdrückung Magie nicht heilt.
Die erwachten Magier konnten Kankadas nicht retten, weil ungezügelte Macht neue Tyrannei hervorbringt.
Shizjens Geschenk konnte Kankadas nicht befreien, solange seine Stimme in ihm weiterflüstert.
Und die Drachen können nicht einfach zurückkehren, ohne den alten Kreislauf von Bewahrung, Kontrolle und Rebellion neu zu beginnen.

Aus dieser Einsicht wächst der Wunsch nach einer Ordnung, die Magie erlaubt, aber begrenzt. Eine Ordnung, die Magier schützt, aber nicht über alle anderen erhebt. Eine Ordnung, die Shizjens Einfluss reinigt, ohne seine Träger zu vernichten.

So entstehen die Grundlagen jener Zirkel, Gesetze und Wächter, die später die Magie Kankadas regeln sollen.

Damit beginnt Die Zeit der Stille.

Besondere Ereignisse

Shizjen's Flüstern
Die Magierkriege
Gründung des Orden des Phönix
Entdeckung des Vampirismus