Die Zeit der Wurzeln
Wesen des Zeitalters
Die Zeit der Wurzeln beginnt, als ein Spross von Drassil in Kankadas Wurzeln schlägt und die sterbende Welt mit dem größeren Drassil-Netz verbindet.
Damit endet die Zeit der Risse.
Die Welt wird nicht in ihren früheren Zustand zurückversetzt. Die alten Weltensäulen kehren nicht zurück, und die Schäden vergangener Zeitalter verschwinden nicht. Stattdessen erhält Kankadas neue Kreisläufe, die jene Teile seiner Ordnung ersetzen, die es nicht mehr aus eigener Kraft tragen kann.
Drassils Wurzeln breiten sich durch Erde, Gestein und Meere aus.
Doch sie wachsen nicht nur durch die sichtbare Welt.
Sie erreichen die Ströme der Magie.
Sie durchdringen den Kreislauf der Seelen.
Sie verbinden Erinnerungen miteinander.
Sie verankern beschädigte Naturgesetze.
Sie wachsen entlang der Grenzen zwischen den Welten.
Die Risse beginnen sich zu schließen.
Leere wird aus vielen Regionen zurückgedrängt. Fülle wird gebunden, geordnet oder in neue Lebensformen überführt. Tote Landschaften werden wieder fruchtbar. Seelen, die ihren Weg verloren hatten, finden Anschluss an einen größeren Kreislauf.
Kankadas bleibt eine lebende Welt.
Es wird nicht von neuen Göttern beherrscht und nicht in das Archiv des Schicksals übertragen.
Doch es ist nicht länger allein.
Von nun an ist Kankadas ein Teil Drassils.
Die Welt besitzt weiterhin ihre eigenen Länder, Völker, Kulturen und Entscheidungen. Aber ihr Leben fließt durch ein Netzwerk, das weit über ihre Grenzen hinausreicht.
Die Zeit der Wurzeln ist daher ein Zeitalter der Heilung, der Verbindung und der Abhängigkeit.
Kankadas wurde gerettet.
Nun muss es herausfinden, was es bedeutet, Teil eines größeren Lebens zu sein.
Die Verwurzelung
Die Verwurzelung Drassils ist kein einzelner Augenblick.
Der Spross schlägt zunächst an einem Ort Wurzeln, an dem die tiefsten verbliebenen Ströme von Leben, Magie und Seele zusammenlaufen. Von dort breitet er sich langsam durch die Welt aus.
Die ersten Wurzeln sind klein und verletzlich.
Sie müssen gegen Leere, Fülle und jene Mächte verteidigt werden, die Drassils Einfluss ablehnen. Ganze Reiche, Zirkel und Gemeinschaften opfern ihre letzten Schutzsysteme, um dem Spross Zeit zum Wachsen zu geben.
Als die Wurzeln schließlich die beschädigten Weltgesetze erreichen, verändert sich Kankadas.
Risse, die zuvor nicht geschlossen werden konnten, beginnen mit lebendem Gewebe, kristallinem Holz oder leuchtenden Wurzelfasern zu verwachsen. Instabile Regionen werden nicht einfach repariert, sondern in einen neuen Zusammenhang eingebunden.
Wo Zeit in Schleifen verlief, wachsen Jahresringe durch die Wirklichkeit und geben den Ereignissen wieder eine Richtung.
Wo Erinnerungen verschwanden, bilden sich Wurzelarchive, in denen Erlebtes gespeichert und weitergetragen wird.
Wo Seelen keinen Weg mehr fanden, entstehen neue Übergänge, die sie in das Drassil-Netz führen.
Wo die Leere Bedeutung genommen hatte, bringen die Wurzeln neue Verbindung.
Wo die Fülle grenzenlos wucherte, geben sie dem Leben Form und Richtung.
Doch Drassil stellt nicht das alte Kankadas wieder her.
Es lässt aus den Wunden etwas Neues wachsen.
Die Heilung der Welt
Mit der Ausbreitung der Wurzeln beginnt eine Zeit großer Erneuerung.
Verlorene Regionen werden wieder bewohnbar. Flüsse kehren in ausgetrocknete Täler zurück. Wälder wachsen über Maschinenfriedhöfe. Meere, deren Grenzen während der Risse zerfallen waren, finden neue Küsten.
Auch der Seelenkreislauf stabilisiert sich.
Verstorbene verschwinden nicht länger in offenen Rissen oder verlieren sich zwischen widersprüchlichen Wirklichkeiten. Ihre Seelen werden von Drassils Wurzeln aufgenommen und in einen größeren Kreislauf geführt.
Manche kehren nach Kankadas zurück.
Andere werden in fernen Welten wiedergeboren.
Und manche Seelen gelangen aus anderen Teilen des Drassil-Netzes nach Kankadas.
Dadurch entstehen neue Blutlinien, fremde Erinnerungen und Wesen, deren Ursprung nicht in dieser Welt liegt.
Die Heilung bringt also nicht nur Verlorenes zurück.
Sie bringt auch Fremdes nach Kankadas.
Pflanzen wachsen, die nie zuvor in dieser Welt existierten. Tiere tragen Eigenschaften entfernter Welten. Kinder werden mit Erinnerungsbildern geboren, die keinem Ort Kankadas’ zugeordnet werden können.
Manche betrachten dies als Wunder.
Andere sehen darin den langsamen Verlust der Eigenart ihrer Welt.
Eine Welt im Weltennetz
Durch Drassil wird Kankadas Teil eines Netzwerks lebender Welten.
Die Wurzeln verbinden nicht nur Orte innerhalb Kankadas’, sondern reichen durch die Grenzen der Wirklichkeit hindurch. Über sie können Lebensenergie, Magie, Seelen und Erinnerungen zwischen den verbundenen Welten fließen.
An besonders mächtigen Wurzelknoten entstehen Übergänge.
Ein Reisender kann eine Wurzelhalle in Kankadas betreten und in einem Wald unter einem fremden Himmel wieder hervortreten. Händler, Pilger, Gelehrte und Flüchtlinge beginnen, zwischen den Welten zu reisen.
Kankadas erhält Zugang zu:
fremden Heilmethoden,
unbekannten Formen der Magie,
neuen Pflanzen und Tieren,
Wissen untergegangener Kulturen,
Rohstoffen anderer Welten,
Erinnerungen längst vergangener Völker.
Doch dieselben Wege führen auch nach Kankadas hinein.
Fremde Mächte entdecken die geheilte Welt. Andere Knoten Drassils können Einfluss nehmen. Krankheiten, Konflikte und Lebensformen können sich über das Netzwerk ausbreiten.
Kankadas ist nicht länger durch seine eigenen Grenzen geschützt.
Es ist Teil eines offenen Kreislaufs.
Damit beginnt eine neue Form von Geschichte.
Nicht mehr nur zwischen Reichen und Kontinenten.
Sondern zwischen Welten.
Der Preis des Lebens
Drassil schützt Kankadas nicht aus Mitgefühl und nicht aus politischem Interesse.
Es ist ein lebender Weltenorganismus.
Seine Wurzeln versorgen Kankadas, doch zugleich nehmen sie die Welt in ihre eigenen Kreisläufe auf. Energie fließt dorthin, wo das Netzwerk sie benötigt.
In Zeiten des Überflusses gibt Kankadas Kraft an andere Welten ab.
In Zeiten der Schwäche empfängt es Kraft aus ihnen.
Dieser Austausch folgt jedoch nicht den Interessen einzelner Völker.
Eine Region kann ihre magische Fruchtbarkeit verlieren, weil Drassil ihre Kraft an einen sterbenden Knoten weiterleitet. Eine andere kann plötzlich von fremder Lebensenergie überflutet werden, weil das Netzwerk einen Überschuss aus einer entfernten Welt ableitet.
Seelen können Wege nehmen, die ihre Nachkommen nicht verstehen.
Erinnerungen können in das Wurzelgedächtnis eingehen und an anderen Orten wieder auftauchen.
Magie wird nicht mehr ausschließlich innerhalb Kankadas’ erzeugt und verbraucht.
Die Welt ist Teil eines Austauschs geworden, dessen vollständige Regeln niemand kennt.
Drassil verlangt keine Opferzeremonien.
Es erhebt keine Steuern.
Es erlässt keine Gesetze.
Aber es verwendet, was Teil seines Körpers geworden ist.
Für Drassil ist Kankadas kein Untertan.
Es ist ein Organ.
Das Wurzelgedächtnis
Mit Drassils Wachstum entsteht ein neues Phänomen:
das Wurzelgedächtnis.
Erinnerungen, die stark genug mit einer Seele, einem Ort oder einer Gemeinschaft verbunden sind, können in die Wurzeln eingehen. Sie bleiben dort nicht als gewöhnliche Aufzeichnungen erhalten, sondern als lebendige Erfahrungen.
Wer eine geeignete Verbindung zu Drassil besitzt, kann solche Erinnerungen betreten.
Ein Mensch kann den Drachenfall aus den Augen eines längst verstorbenen Soldaten erleben.
Eine Magierin kann die Angst eines Kindes während der Läuterung fühlen.
Ein Gelehrter kann durch eine Stadt gehen, die seit Jahrtausenden nicht mehr existiert.
Doch das Wurzelgedächtnis gehört nicht nur Kankadas.
Auch Erinnerungen anderer Welten fließen durch das Netzwerk.
Dadurch können Menschen Erfahrungen machen, die niemals Teil ihrer eigenen Geschichte waren. Manche verlieren die Grenze zwischen eigener und fremder Erinnerung. Andere entwickeln Persönlichkeiten, in denen mehrere Leben miteinander verbunden sind.
Das Wurzelgedächtnis wird zu einer Quelle von Wissen, Religion und Macht.
Reiche versuchen, bestimmte Erinnerungen zu kontrollieren.
Priester suchen nach Offenbarungen.
Gelehrte wollen die Vergangenheit vollständig rekonstruieren.
Familien suchen nach verstorbenen Angehörigen.
Andere warnen davor, dass eine Welt ihre eigene Geschichte verliert, wenn sie jede fremde Erinnerung in sich aufnimmt.
Die Wurzelreiche
Um die großen Wurzelknoten entstehen neue Machtzentren.
Ein Wurzelknoten kann ganze Regionen mit Lebensenergie versorgen, Risse stabilisieren und Zugänge zu anderen Welten öffnen. Wer ihn kontrolliert, besitzt Einfluss über Handel, Reisen, Heilung und Seelenwege.
So entstehen die Wurzelreiche.
Manche werden von alten Staaten gegründet, die ihre Herrschaft nach der Zeit der Risse wiederherstellen wollen.
Andere entstehen aus Gemeinschaften, die den Spross während seiner Verwurzelung geschützt haben.
Einige werden von Priestern, Wurzelhütern oder Wesen regiert, die unmittelbar mit Drassil verbunden sind.
Die mächtigsten Wurzelreiche kontrollieren nicht nur Land.
Sie kontrollieren Verbindungen.
Sie können entscheiden, wer einen Übergang zu einer anderen Welt nutzen darf. Sie können Wurzelenergie umleiten, Erinnerungsarchive versiegeln und den Zugang zu heiligen Seelenwegen beschränken.
Dadurch entsteht eine neue Form von Ungleichheit.
Nicht jede Region ist gleich stark mit Drassil verbunden.
Im Zentrum der Wurzelreiche wachsen Städte in lebenden Baumhallen, Krankheiten werden durch Wurzelmagie geheilt und Nahrung entsteht in gewaltigen Gärten.
An den Rändern kämpfen Gemeinschaften weiterhin mit den Narben der Risse. Dort erreichen die Wurzeln die Welt nur schwach oder gar nicht.
Die Heilung ist real.
Aber sie ist nicht überall gleich.
Die Hüter der Wurzeln
Mit der neuen Ordnung entstehen die Hüter der Wurzeln.
Sie sind keine einheitliche Organisation.
Manche sind Priester und Heiler. Andere sind Krieger, Magier, Gelehrte oder Wesen, die durch Drassils Einfluss verändert wurden.
Ihre Aufgabe besteht darin:
Wurzelknoten zu schützen,
verdorbene Wurzeln zu reinigen,
Seelenwege zu bewahren,
den Austausch zwischen Welten zu überwachen,
das Wurzelgedächtnis vor Missbrauch zu schützen,
und Konflikte zwischen Kankadas und dem Netzwerk zu vermitteln.
Einige Hüter vertreten die Interessen Kankadas’.
Andere fühlen sich zunehmend Drassil als Ganzem verpflichtet.
Daraus entsteht ein tiefer Konflikt.
Was geschieht, wenn das Wohl des Netzwerks dem Wohl Kankadas’ widerspricht?
Wenn eine andere Welt nur gerettet werden kann, indem Kankadas einen Teil seiner Lebensenergie abgibt?
Wenn Drassil einen gefährlichen Knoten abtrennen will, obwohl dort Millionen Wesen leben?
Wenn eine Krankheit aus Kankadas das gesamte Netzwerk bedroht?
Ein Hüter kann nicht immer zugleich der Welt und dem Netz dienen.
Magie in der Zeit der Wurzeln
Magie verändert sich grundlegend.
Sie wird organischer, verbindender und stärker von Kreisläufen geprägt.
Zauber können über Wurzelnetze größere Entfernungen überwinden. Heiler greifen auf Lebensmuster anderer Wesen zurück. Beschwörer rufen keine entfernten Kreaturen mehr nur durch Portale, sondern führen sie über lebende Verbindungen nach Kankadas.
Neue Formen der Magie entstehen:
Wurzelmagie verbindet Orte und Wesen.
Erinnerungsmagie greift auf das Wurzelgedächtnis zu.
Seelenmagie nutzt die neuen Wege des Kreislaufs.
Weltenmagie öffnet kontrollierte Übergänge zwischen Drassil-Knoten.
Lebensweben verbindet verschiedene Organismen miteinander.
Doch Magie wird zugleich abhängiger vom Zustand des Netzwerks.
Ein beschädigter Wurzelknoten kann Zauber in einer ganzen Region schwächen. Eine fremde Welt kann ungewollt Einfluss auf die Magie Kankadas’ nehmen.
Manche Zauberer beginnen, Kraft direkt aus Drassil zu ziehen.
Andere lehnen dies ab und versuchen, die alte Magie Kankadas’ zu bewahren.
Es entstehen Schulen, die nur mit der eigenen Seelenkraft arbeiten wollen. Sie betrachten Wurzelmagie als eine Form der Abhängigkeit.
Die Anhänger Drassils entgegnen:
Keine Magie sei jemals vollständig unabhängig gewesen.
Der Unterschied bestehe nur darin, dass der Kreislauf nun sichtbar geworden sei.
Neue Formen des Lebens
Drassils Einfluss verändert die Bewohner Kankadas’ nicht sofort und nicht überall.
Doch über Generationen entstehen neue Anpassungen.
Manche Menschen entwickeln ein Gespür für Wurzelströme.
Einige Elwen können Erinnerungen über Berührung mit lebendem Holz wahrnehmen.
Tiermenschen tragen Eigenschaften von Wesen anderer Welten.
Zwerge errichten Städte in den tiefen Wurzeladern und lernen, lebende Strukturen zu formen, ohne sie zu töten.
Neue Völker können aus der Verbindung verschiedener Lebenslinien hervorgehen.
Andere Wesen werden zu Wanderern zwischen den Welten und verlieren mit der Zeit eine eindeutige Heimat.
Auch Pflanzen, Tiere und Landschaften verändern sich.
Wälder wachsen durch Ruinen und integrieren alte Maschinen in ihre lebenden Systeme. Flüsse tragen Erinnerungen. Berge bilden Wurzelkammern, in denen Seelen ruhen.
Kankadas wird vielfältiger als je zuvor.
Doch manche fragen sich, ob diese Vielfalt noch aus Kankadas selbst stammt.
Die alten Kulturen
Nicht alle Völker begrüßen die neue Welt.
Einige betrachten Drassil als Retter.
Andere sehen in den Wurzeln einen langsamen Austausch der eigenen Welt gegen etwas Fremdes.
Es entstehen Bewegungen, die Teile der Wurzeln zurückschneiden oder ganze Regionen vom Netzwerk isolieren wollen. Sie versuchen, alte Seelenwege wiederherzustellen und Magie ausschließlich aus Kankadas selbst zu beziehen.
Manche von ihnen wollen lediglich kulturelle und metaphysische Eigenständigkeit bewahren.
Andere werden zu radikalen Wurzelbrennern.
Sie zerstören Knoten, trennen Regionen gewaltsam vom Netzwerk und nehmen dabei in Kauf, dass die geheilten Weltgesetze dort erneut zusammenbrechen.
Für die Bewohner solcher Gebiete entsteht eine schwierige Wahrheit:
Sie können Drassil ablehnen.
Doch sie können nicht so tun, als wäre Kankadas noch dieselbe unabhängige Welt wie vor der Verwurzelung.
Eine durchtrennte Wurzel bedeutet nicht automatisch Freiheit.
Sie kann auch bedeuten, dass eine Region stirbt.
Die Narben der Risse
Die Verwurzelung heilt viele Schäden.
Aber nicht alle.
Manche Risse bleiben als vernarbte Zonen erhalten. Sie führen nicht länger unkontrolliert in Leere oder Fülle, doch ihre Umgebung folgt weiterhin ungewöhnlichen Gesetzen.
Einige werden durch Wurzeln versiegelt.
Andere werden als Übergänge in das Drassil-Netz genutzt.
Manche sind so tief, dass selbst Drassil sie nur umschließen, aber nicht schließen kann.
Leere und Fülle verschwinden ebenfalls nicht vollständig.
Sie verlieren ihren freien Zugang zu Kankadas, können aber Wurzeln befallen oder über andere Welten in das Netzwerk eindringen.
Eine verdorbene Wurzel ist gefährlicher als ein einzelner Riss.
Sie kann ihre Krankheit durch das gesamte Netz tragen.
Darum entstehen Quarantänezonen, abgeschnittene Knoten und Wurzelkriege, in denen ganze Regionen vom Netzwerk getrennt werden müssen, um andere Welten zu schützen.
Drassil macht Kankadas widerstandsfähiger.
Doch es verbindet seine Gefahren mit den Gefahren vieler anderer Welten.
Drassils Wille
Niemand weiß mit Sicherheit, ob Drassil einen eigenen Willen besitzt.
Manche Hüter behaupten, seine Entscheidungen in den Strömen der Wurzeln zu spüren. Andere glauben, dass Drassil kein Bewusstsein im sterblichen Sinn besitzt.
Vielleicht denkt es in Welten statt in Personen.
Vielleicht sind Jahrtausende für Drassil nur Augenblicke.
Vielleicht unterscheidet es nicht zwischen freiwilliger Verbindung und notwendiger Eingliederung.
Es greift nicht wie ein König ein.
Es erlässt keine Befehle und fordert keine Anbetung.
Doch seine Wurzeln reagieren.
Sie wachsen zu manchen Orten und meiden andere. Sie versorgen bestimmte Regionen mit Kraft, während sie aus anderen Energie abziehen. Sie öffnen Wege zwischen Welten und schließen sie wieder.
Ob dies bewusste Entscheidung, natürlicher Instinkt oder bloßer Ausgleich eines gewaltigen Organismus ist, bleibt ungeklärt.
Für die Bewohner Kankadas’ macht der Unterschied nicht immer einen Unterschied.
Wenn Drassil eine Stadt nicht mehr versorgt, stirbt sie möglicherweise – gleichgültig, ob dies Absicht oder bloße Reaktion des Netzwerks war.
Gesellschaft und Glaube
Die Verwurzelung verändert die Religionen Kankadas’.
Manche betrachten Drassil als neuen Gott.
Andere verehren es als heiligen Lebensstrom, ohne ihm Bewusstsein zuzuschreiben.
Einige Religionen sehen in Drassil den Beweis, dass keine Welt allein bestehen soll.
Andere erklären die Verwurzelung zur größten Entweihung seit dem Drachenfall.
Auch die Erinnerung an die Königsdrachen verändert sich.
Anhänger Drassils behaupten, die Drachen hätten Kankadas isoliert und dadurch abhängig von ihren eigenen Weltensäulen gemacht.
Drachenverehrer entgegnen, die alte Ordnung habe die Welt wenigstens vor fremder Ausbeutung geschützt.
Neue Glaubensrichtungen entstehen um Seelenwanderer, Wurzelheilige und Erinnerungen aus anderen Welten.
Ein Mensch kann von einem Heiligen träumen, der nie in Kankadas gelebt hat.
Eine Gemeinde kann eine verstorbene Seele verehren, die in mehreren Welten wiedergeboren wurde.
Ein Priester kann zugleich mehreren Versionen derselben Gottheit begegnen.
Glaube wird größer.
Aber auch unübersichtlicher.
Konflikte zwischen den Welten
Kankadas ist nicht der einzige Knoten im Drassil-Netz.
Andere Welten besitzen eigene Interessen.
Einige begrüßen Kankadas als neuen Partner.
Andere betrachten es als beschädigten und gefährlichen Knoten, dessen Risse das gesamte Netzwerk bedrohen könnten.
Manche wollen auf die Ressourcen Kankadas’ zugreifen. Andere benötigen seine Magie oder seine Seelenströme.
Es können Bündnisse zwischen Welten entstehen.
Aber auch Kriege.
Solche Konflikte werden nicht nur mit Armeen geführt. Eine Macht kann versuchen, Wurzelwege umzuleiten, Erinnerungsströme zu manipulieren oder den Zugang einer Welt zu lebenswichtiger Energie zu blockieren.
Kankadas muss lernen, Außenpolitik nicht mehr nur zwischen Reichen, sondern zwischen ganzen Wirklichkeiten zu betreiben.
Dabei ist seine Stellung unsicher.
Es ist eine gerettete Welt.
Aber auch eine schwer beschädigte Welt, die noch immer auf Drassils Unterstützung angewiesen ist.
Manche andere Knoten begegnen ihr mit Mitgefühl.
Andere mit Misstrauen.
Und manche sehen in ihrer Abhängigkeit eine Gelegenheit.
Ideologischer Kern
Der zentrale Konflikt dieses Zeitalters lautet:
Kann eine Welt Teil eines größeren Ganzen werden, ohne sich selbst darin zu verlieren?
Die Verwurzeler sagen:
„Kankadas lebt nur, weil es aufgehört hat, allein zu sein.“
Die Bewahrer sagen:
„Verbindung darf nicht bedeuten, dass unsere Welt nur noch als Ressource betrachtet wird.“
Die Wurzelhüter sagen:
„Was durch dasselbe Netz lebt, trägt auch Verantwortung füreinander.“
Die Unabhängigen sagen:
„Ein Leben, das nicht aus eigener Kraft bestehen kann, ist keine Freiheit.“
Die Weltenwanderer sagen:
„Kankadas war niemals so einzigartig, wie seine Bewohner glaubten.“
Die Wurzelbrenner sagen:
„Lieber verlieren wir die Heilung, als uns für immer von einem fremden Organismus abhängig zu machen.“
Alle Positionen besitzen einen Teil der Wahrheit.
Ohne Drassil wäre Kankadas dem Stillstand und Ruin entgegengegangen.
Durch Drassil besitzt die Welt wieder Zukunft.
Doch diese Zukunft gehört nicht länger nur ihr.
Bedeutung für die Zukunft Kankadas’
Die Zeit der Wurzeln beendet den natürlichen Untergang Kankadas’.
Die Welt kann weiterleben, sich erholen und neue Geschichte hervorbringen. Ihre Völker können neue Reiche errichten, fremde Welten bereisen und Kulturen erschaffen, die vor der Verwurzelung unmöglich gewesen wären.
Kankadas ist nicht geheilt, indem seine Vergangenheit rückgängig gemacht wurde.
Es ist geheilt, indem seine Wunden Teil eines größeren Kreislaufs geworden sind.
Doch diese Rettung bleibt ambivalent.
Vielleicht entwickelt sich Kankadas zu einem der wichtigsten Knoten Drassils – zu einem Ort, an dem Welten, Völker und Erinnerungen miteinander verbunden werden.
Vielleicht lernt es, seinen Platz im Netzwerk selbstbewusst zu behaupten und einen gerechten Austausch mit anderen Welten aufzubauen.
Vielleicht verändert Drassil Kankadas über Jahrtausende so stark, dass von der ursprünglichen Welt nur noch ihr Name und ihre Erinnerungen bleiben.
Vielleicht beginnt das Netzwerk, mehr Kraft aus Kankadas zu ziehen, als es zurückgibt.
Vielleicht entdecken die Bewohner, dass Drassil nicht nur Welten verbindet, sondern sie langsam aneinander angleicht.
Vielleicht entstehen Bewegungen, die versuchen, Kankadas wieder aus dem Netzwerk zu lösen – obwohl niemand weiß, ob die Welt danach noch eigenständig bestehen könnte.
Vielleicht wird Kankadas selbst eines Tages stark genug, andere sterbende Welten aufzunehmen.
Dann müsste es entscheiden, ob es ihnen denselben Schutz anbietet, den es selbst erhalten hat.
Und welchen Preis es dafür verlangt.
Die Zukunft bleibt offen.
Kankadas wurde nicht unterworfen.
Es wurde nicht archiviert.
Es wurde nicht sich selbst überlassen.
Es wurde Teil eines Lebens, das größer ist als jede einzelne Welt.
Nun muss es lernen, in diesem größeren Leben nicht nur zu überleben, sondern es selbst zu bleiben.