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Gwentin – Die Erlösung durch Tuman

Zurück zum Profil: Gwentin – Der Schicksalslose


Die Ankunft der schwarzen Klinge

Jahre später – nachdem er dutzende Schlachten für ein Imperium geschlagen hatte, das ihn verachtete – wurde Gwentin zu einem kleinen Dorf in den Grenzlanden geschickt.

Das Dorf stand unter dem Schutz des Drachen Tuman – eines der letzten überlebenden Kaiserdrachen. Tuman hatte den Drachenkrieg überlebt, den Fall seiner Art, die Auslöschung seines Volkes. Und er hatte sich in dieses Tal zurückgezogen, um die Menschen zu beschützen, die sich unter seine Schwingen geflüchtet hatten.

Das Soma-Imperium duldete keine Symbole außer den eigenen. Und ein Dorf, das von einem Drachen beschützt wurde, war ein Symbol des Widerstands.

Gwentin ritt nicht. Er marschierte. Das Klacken seiner geschwärzten Aethelit-Rüstung auf dem staubigen Boden war das einzige Geräusch in der unheimlichen Stille des Tals. Hinter seinem Visier war Gwentin nur ein Beobachter seines eigenen Körpers. Der Fluch in seinen Adern brannte – ein kaltes Feuer, das jeden Funken Gnade in den Abgrund drückte.

Sein Verstand schrie: „Lauf weg!"

Aber seine Beine trugen ihn unaufhaltsam auf die erste Hütte zu.

Der Angriff

Er war keine Person mehr. Er war eine Waffe aus Stahl und Fluch.

Als die ersten Verteidiger des Dorfes sich ihm entgegenwarfen, reagierte Gwentin mit der automatischen Effizienz, die ihm über Jahrhunderte eingeimpft worden war.

Die Präzision: Jede Bewegung war kalkuliert. Er verschwendete keine Kraft.

Aber Tuman war nicht untätig geblieben.

Der Drache hatte die Ankunft des Fluchritters gespürt – lange bevor Gwentin das Tal erreichte. Und er hatte vorbereitet, was er konnte: Eine Barriere aus alter Drachenmagie, schwach, brüchig, aber stark genug, um das Schlimmste zu verhindern.

Als Gwentin das Dorf erreichte, war er nicht die ungestoppte Macht, die das Imperium erwartet hatte. Die Barriere verlangsamte ihn. Schwächte ihn. Nicht genug, um ihn aufzuhalten – aber genug, um den Unterschied zwischen Massaker und Tragödie zu machen.

Es gab Tote. Einen jungen Mann, der Gwentin mit einer Heugabel entgegengetreten war – zu mutig, zu dumm, zu schnell. Gwentin hatte ihn getötet, bevor er überhaupt dachte. Mit bloßen Händen. Ohne zu zögern.

Es gab Verletzte. Dutzende. Gebrochene Knochen, geplatzte Lippen, das Blut derer, die sich ihm in den Weg gestellt hatten.

Aber das Dorf stand noch. Die meisten hatten überlebt.

Und das lag nicht an Gwentin. Das lag an Tuman.

Die Begegnung mit Tuman

Mitten im Dorf, umgeben von Schreien und Staub, erhob sich schließlich der Schatten des Drachen.

Tuman landete zwischen Gwentin und den letzten Verteidigern. Die Hitze seines Atems brachte den geschwärzten Stahl der Rüstung zum Glühen.

Gwentin hob sein Schwert gegen den Kaiserdrachen – eine mickrige Geste gegen ein Wesen von solcher Macht.

Doch in diesem Moment geschah das Unvorstellbare:

Tuman griff nicht an.

Der Drache senkte sein riesiges Haupt, bis seine goldenen Augen nur Zentimeter von Gwentins Visier entfernt waren. Und dann sprach er – nicht mit Worten, sondern direkt in Gwentins geschändeten Verstand:

„Du bist kein Mörder. Du bist ein Gefangener, der in seinem eigenen Hass ertrinkt."

Der Bruch des Willens

Tuman erkannte, dass Gwentins Geist – im Gegensatz zu den meisten Fluchrittern – noch nicht vollständig korrodiert war. Er sah den Eidbrecher. Den Jungen, der einst Freiheit wollte und nun in dieser eisernen Hülle schrie.

Als Gwentin zuschlagen wollte, handelte Tuman.

Nicht mit Gewalt. Nicht mit Feuer.

Mit seiner Essenz.

Der Kaiserdrache presste seine letzte Kraft in einen einzigen, gezielten Stoß – nicht gegen Gwentins Körper, sondern gegen die dunkle Verbindung, die ihn an das Imperium kettete. Es war kein sanfter Prozess. Es war, als würde man einem Mann das Rückgrat brechen, um ihn von einer Fessel zu befreien.

Gwentin brach zusammen.

Die schwarze Rüstung schlug hart auf dem Boden auf. Sein Körper zuckte. Und dann – Stille.

Tuman hatte ihn bewusstlos geschlagen. Nicht, um ihn zu töten. Sondern um ihn zu retten.

Die Höhle

Gwentin erwachte in Dunkelheit.

Nicht die Dunkelheit einer Zelle. Nicht die Dunkelheit eines Schlachtfelds. Sondern die tiefe, warme Dunkelheit einer Höhle.

Er lag auf etwas Weichem – Moos, vielleicht, oder alte Decken. Die Luft roch nach Erde und etwas anderem – etwas Altem, das er nicht benennen konnte.

Und dann sah er ihn.

Einen alten Mann.

Klein, gebeugt, mit faltiger Haut und trüben, aber wachen Augen. Der Mann saß am Eingang der Höhle und starrte hinaus ins Tal. Er trug keine Rüstung. Keine Krone. Keine Zeichen von Macht. Nur einen einfachen Umhang und die Erschöpfung von jemandem, der zu lange zu viel getragen hatte.

Gwentin brauchte einen Moment, um zu verstehen.

Dieser alte, gebrechliche Mann – das war Tuman.

Kein majestätischer Drache. Keine gewaltige Präsenz, die den Boden erzittern ließ. Keine Hitze, keine Schuppen, keine goldenen Augen, die durch die Dunkelheit leuchteten.

Nur ein alter Mann, der kaum noch genug Kraft hatte, aufzustehen.

Tuman hatte seine gesamte verbleibende Drachenessenz – die letzte Macht, die ihn am Leben gehalten hatte – dafür verbraucht, Gwentins Fluch zu brechen. Und was übrig geblieben war, war diese menschliche Hülle. Ein Schatten dessen, was ein Kaiserdrache einmal gewesen war.

Der Drache hatte sich geopfert. Nicht seinen Tod – aber sein Wesen.

Gwentin wollte etwas sagen. Aber es gab keine Worte. Was sagte man zu einem Wesen, das alles, was es noch hatte, für einen Mann gegeben hatte, der gekommen war, um sein Dorf zu zerstören?

Tuman drehte sich nicht um. Er sagte nur:

„Du hast genug zerstört. Jetzt bau auf."

Das Dorf – Die Verankerung

Tuman tötete Gwentin nicht. Er ließ ihn nicht gehen. Er tat etwas Drittens – etwas, das mehr Geduld erforderte als jeder Kampf:

Er verankerte ihn.

In den Jahren, die ihm noch blieben – es waren nicht viele, und er wusste es – nutzte Tuman jede verbleibende Stunde, um Gwentin in das Dorf zu weben. Nicht durch Zwang. Nicht durch Magie. Sondern durch Mühe.

Er brachte Gwentin zu den Dorfbewohnern. Nicht als Gefangenen. Nicht als Sklaven. Sondern als jemanden, der wiedergutmachen musste.

Die Dorfbewohner hassten ihn. Sie fürchteten ihn. Sie wollten ihn tot sehen – und sie hatten jeden Grund dazu.

Aber Tuman bestand darauf: Gwentin blieb. Und er arbeitete. Und er würde bleiben, bis er es nicht mehr musste – sondern es wollte.

Die Therapie

Die ersten Monate waren die Hölle.

Gwentin sprach nicht. Er aß kaum. Er stand stundenlang am Rand des Dorfes und starrte auf die Schäden, die er angerichtet hatte – die reparierten Hütten, die vernarbten Gesichter, die Leere, wo einmal der junge Mann mit der Heugabel gestanden hatte.

Tuman – jetzt ein alter Mann, der kaum noch laufen konnte – heilte, was er konnte. Nicht mit Magie. Die war aufgebraucht. Sondern mit Präsenz. Er saß neben Gwentin. Sagte nichts. War einfach da.

Und langsam – qualvoll langsam – begann etwas zu geschehen.

Ein alter Bauer, dessen Sohn Gwentin verletzt hatte – schwere Brüche, die den Jungen fast das Bein gekostet hätten – warf ihm eines Tages eine Hacke vor die Füße.

„Wenn du schon hier bist, dann arbeite. Oder verschwinde."<<

Gwentin hob die Hacke auf. Und er arbeitete.

Zum ersten Mal in seinem Leben – nach Jahrhunderten des Tötens, der Gewalt, des Gehorchens – tat Gwentin etwas, das nichts mit Zerstörung zu tun hatte.

Er pflanzte.

Was er lernte

Im Dorf lernte Gwentin alles, was ihm als Fluchritter verwehrt geblieben war:

Was er lernte Wie es ihn veränderte
Landwirtschaft Zum ersten Mal schuf er etwas, das wuchs. Das lebte. Das er nicht zerstörte.
Freude Nicht den Rausch, nicht die Ekstase des Kampfes – sondern das leise Lachen eines Kindes, das ihn zum ersten Mal nicht fürchtete.
Familie Die Dorfbewohner nahmen ihn nicht sofort auf. Aber nach Monaten, nach Jahren, wurde er Teil von etwas, das größer war als er selbst.
Liebe Nicht romantisch. Nicht erotisch. Sondern die tiefe, stille Verbundenheit zu Menschen, die ihm verziehen hatten – oder es zumindest versuchten.
Trauer Zum ersten Mal trauerte er nicht um sich selbst. Sondern um die, die er verloren hatte. Um die, die er getötet hatte. Um den Jungen, der er einmal gewesen war.

Die Grundlage seiner Menschlichkeit

In diesem Dorf wurde Gwentin zum Menschen.

Nicht durch Magie. Nicht durch Tumans Essenz. Sondern durch die simple, brutale Tatsache, dass er jeden Tag aufwachte und sich entschied, nicht der Mann zu sein, der er gewesen war.

Die Dorfbewohner wurden seine Familie. Nicht durch Blut. Sondern durch Verzeihung – eine Kraft, die Gwentin nicht verstand, die er aber langsam, über Jahre, in sich aufnahm wie trockene Erde den Regen.

Und Tuman? Der alte Drache in Menschenform blieb. Nicht als Beschützer. Sondern als Zeuge. Als jemand, der Gwentin daran erinnerte, wer er gewesen war – und wer er sein konnte.

Es war Tuman, der Gwentin eines Tages die Hand auf die Schulter legte und sagte:

„Du hast genug gebüßt. Jetzt lebe."

Und zum ersten Mal seit Jahrhunderten meinte Gwentin es ernst, als er dachte:

Vielleicht.

Tuman starb wenige Jahre später. Leise. Im Schlaf. Ohne großes Drama – so, wie er gelebt hatte in seinen letzten Jahren: still, geduldig, mit der stillen Gewissheit, dass er etwas Gutes getan hatte.

Gwentin begrub ihn am Rand des Dorfes, unter einem Baum, den sie zusammen gepflanzt hatten.

Und dann lebte er weiter. Für das Dorf. Für die Menschen, die ihn schließlich akzeptiert hatten. Für den Jungen mit der Heugabel, dessen Namen er nie erfahren hatte – und den er trotzdem jeden Tag trug.

Die Drachenessenz

Was viele nicht wussten: Tuman hatte Gwentin nicht nur den Fluch gebrochen. In jenem Moment in der Höhle, als Gwentin bewusstlos war, hatte der Drache etwas anderes getan – etwas, das Gwentin erst Jahre später begriff.

Tuman hatte einen Funken seiner Drachenessenz in Gwentins Herz gelegt. Nicht die gesamte Essenz – die war verbraucht, um den Fluch zu brechen. Aber einen kleinen Funken. Einen Samen.

Was Gwentin geschah, war nicht sofort spürbar. Aber in den Tagen und Wochen nach Tumans Tod veränderte sich sein Körper grundlegend.

Die Lebensessenz eines Drachen pulsierte nun in seinem Herzen. Sie verlieh ihm die Robustheit, die Zähigkeit, die unnatürliche Widerstandskraft, die Kaiserdrachen seit jeher auszeichnete. Wunden schlossen sich schneller. Krankheiten prallten an ihm ab. Sein Körper ertrug, was jeden anderen Menschen gebrochen hätte.

Und noch etwas anderes geschah – etwas, das weder Tuman noch Gwentin in diesem Moment ahnen konnten:

Die Drachenessenz machte ihn unsterblich.

Nicht im Sinne von Unverwundbarkeit – er konnte sterben. Er konnte getötet werden. Aber die Essenz in seinem Herzen würde ihn zurückholen. Immer wieder. Sein Körper würde sich regenerieren, egal wie schwer die Verwundung. Selbst wenn sein Herz aufhörte zu schlagen, würde die Drachenessenz es erneut zum Schlagen bringen.

Ein Geschenk. Und ein Fluch.

Der Kampf gegen das Imperium

Gwentin schloss sich dem Kampf gegen das Imperium an.

Nicht aus Rache allein. Nicht aus Gerechtigkeit. Sondern weil er wusste, was das Imperium anderen antat – und weil er der Einzige war, der etwas dagegen tun konnte.

Und weil er ein Dorf hatte, das es zu beschützen galt.